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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: NS-Kriegsverbrecherprozess gegen B. Maikovskis in MÃ¼nster endete vor 20 Jahren - RÃ¼ckblick auf meine vier Jahre Prozessbegleitung (I)</title>
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    <span class="xar-mod-title">Erinnerungsarbeit + Bericht von Winfried Nachtwei</span>

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            NS-Kriegsverbrecherprozess gegen B. Maikovskis in MÃ¼nster endete vor 20 Jahren - RÃ¼ckblick auf meine vier Jahre Prozessbegleitung (I)         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 6. März 2014 20:04:49 +02:00 (51217 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Dass 1990 bis 1994 in M&uuml;nster einer der letzten NS-Kriegsverbrecherprozess lief, ist J&uuml;ngeren kaum bekannt. Das Auftauchen des Angeklagten 1988 in M&uuml;nster wurde zu einem Ansto&szlig; f&uuml;r meine Spurensuche zum NS-Terror im deutsch besetzten Lettland: T&auml;terspuren, Opferspuren. Hier Berichte zu unsere Prozessbeobachtung und -begleitung &uuml;ber vier Jahre.&nbsp; &nbsp;</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Schon wieder vergessen? Vor 20 Jahren endete der NS-Kriegsverbrecherprozess gegen B. Maikovskis in M&uuml;nster &ndash;</strong></p>
<p align="center"><strong>Bericht + Bilanz nach vier Jahren Prozessbeobachtung</strong></p>
<p align="center">Winfried Nachtwei (2014/1996)</p>
<p><em>Am 11. M&auml;rz 1994 endete nach 205 Sitzungstagen vor dem Landgericht M&uuml;nster der Kriegsverbrecherprozess gegen Boleslav Maikovskis wegen Verhandlungsunf&auml;higkeit des Angeklagten. Der Prozess hatte im Januar 1990 begonnen. Der ehemalige Hauptmann der lettischen Hilfspolizei war angeklagt, Anfang 1942 ma&szlig;geblich an der Erschie&szlig;ung von 170 Bewohnern des Weilers Audrini in Ostlettland beteiligt gewesen zu sein. Die Ausl&ouml;schung von Audrini war eine der ersten demonstrativen Dorfvernichtungsaktionen der Nazis und ihrer Helfer, lange vor Lidice und Oradour. Es war zugleich die Spitze eines Eisbergs an Massenmord, dem allein in der Kreisstadt Rezekne ein Viertel der Bev&ouml;lkerung zum Opfer fiel. Als die New York Times im Oktober 1988 berichtete, dass B. Maikovskis in M&uuml;nster, der &bdquo;Hauptstadt der Exilletten&ldquo; lebte, wurde ich hellh&ouml;rig &ndash; und beobachtete und begleitete das Verfahren &uuml;ber mehr als f&uuml;nf Jahre.</em></p>
<p><em>In der vom NRW-Justizministerium herausgegebenen &bdquo;Juristischen Zeitgeschichte&ldquo;, Bd. 4 (&bdquo;NS-Verbrechen und Justiz&ldquo;, D&uuml;sseldorf 1996) nahmen vier Prozessbeteiligte (zwei Richter, der &Uuml;bersetzer und ich) aus ihren Perspektiven zum Prozess Stellung: &bdquo;Die Vernichtung von Audrini, seine justizf&ouml;rmige Bearbeitung (1944-1994) und die &Ouml;ffentlichkeit&ldquo;. Hier meine Beitr&auml;ge zu</em></p>
<p>-&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Au&szlig;ensichten des Verfahrens: Projekt &bdquo;Prozessbegleitung&ldquo;, Gerichtsszenen, an den Tatorten, Prozessbeteiligte, &Ouml;ffentlichkeit</em></p>
<p>-&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Historischer Hintergrund: Einsatzgruppen von Sicherheitspolizei und SD, lettische Hilfspolizei, &bdquo;Sommerexekutionen&ldquo;, Ghettos</em></p>
<p>-&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Der Fall Audrini</em></p>
<p>-&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Maikovskis in den USA</em></p>
<p><strong><em>Ojars Janis Rozitis</em></strong><em>: Justizf&ouml;rmige Bearbeitung und &ouml;ffentliche Darstellung in Lettland, S. 39-128; Reflexionen des Dolmetschers, S. 187-205</em></p>
<p><strong><em>Eberhard Groesdonk</em></strong><em>: Erl&auml;uterung der wesentlichen juristischen Problemstellungen in NS-Verfahren;</em></p>
<p><em>Das Verfahren gegen Maikovskis (LG M&uuml;nster), S. 159-173; Reflexionen des berichterstattenden Richters, S. 175-184</em></p>
<p><strong><em>Heinz Bernd Lange</em></strong><em>: Die Verfahren gegen Tabbert (LG Dortmund) und Eichelis (LG Landau), S. 147-157</em></p>
<p><em>Am 8. M&auml;rz 2014 in den Westf&auml;lischen Nachrichten gro&szlig;er Artikel von Karin V&ouml;lker zum Thema: <a href="http://www.wn.de/Muenster/Vor-20-Jahren-wurde-der-Prozess-gegen-Boleslavs-Maikovskis-eingestellt-Verbrechen-ohne-Suehne">www.wn.de/Muenster/Vor-20-Jahren-wurde-der-Prozess-gegen-Boleslavs-Maikovskis-eingestellt-Verbrechen-ohne-Suehne</a> </em></p>
<p><strong>I Au&szlig;ensichten des Verfahrens</strong></p>
<p><strong>Projekt &bdquo;Proze&szlig;begleitung<sup>&rdquo;</sup></strong></p>
<p>Das Verfahren beobachteten und begleiteten meine Frau Angela Nachtwei-Hanak und ich von der ersten bis zur letzten Sitzung. Annegret Neuhoff machte im ersten Jahr bei der Prozessbeobachtung mit, andere sprangen als &bdquo;Urlaubsvertretung&rdquo; ein.</p>
<p>In die Rolle &bdquo;freier&rdquo; Prozessbeobachter gerieten wir durch Verkettung verschiedener Umst&auml;nde. Bei einer Reise nach Belarus im Sommer 1988 erfuhren wir erstmalig von systematischen und umfassenden Dorfvernichtungen im Rahmen der deutschen Kriegf&uuml;hrung. Als die Presse am 17. Oktober 1988von einem mutma&szlig;lichen, in M&uuml;nster lebenden Kriegsverbrecher berichtete, der beschuldigt wurde, ma&szlig;geblich an einer Dorfvernichtung in Lettland beteiligt gewesen zu sein, wurde ich, der ich im Rahmen der Friedensbewegung schon l&auml;nger regionale &bdquo;Spurensuche&rdquo; betrieb, hellh&ouml;rig. In der Literatur fanden sich schnell erste Hinweise sowohl auf den Komplex Audrini wie auch auf eine Judendeportation, die im Dezember 1941 von M&uuml;nster ins Ghetto Riga gegangen war. Im Sommer 1989besuchten wir die lettische Hauptstadt, fanden Spuren des Ghettos, lernten erste &Uuml;berlebende des Ghettos kennen, erfuhren pers&ouml;nlich und konkret vom Ausma&szlig; des Naziterrors in Lettland. Aus der Reise erwuchs der Diavortrag &bdquo;<em>Nachbarn von nebenan &ndash; verschollen in Riga&rdquo;</em>, &uuml;ber den sich Kontakte zu in Deutschland wohnenden &Uuml;berlebenden der Riga-Deportationen ergab. In den Folgejahren entwickelten sich so parallel Nachforschungen auf den Spuren von Opfern und T&auml;tern.</p>
<p>Unmittelbare Motive, sich auf die Prozessbeobachtung einzulassen, ergaben sich aus Erfahrungen mit fr&uuml;heren NS-Prozessen und einem gewissen Misstrauen gegen&uuml;ber der Justiz. Arie Goral, dessen Mutter im Rigaer Ghetto umkam, machte bei den Prozessen gegen Maywald und Arajs 1977/79 in Hamburg die Erfahrung: &bdquo;Diese Prozesse spielen sich nahezu in dem gleichen luft- und menschenleeren Raum ab, in dem sich die Verfolgung der Juden abspielte: Man sah weg, man blickte dar&uuml;ber hinaus `in die gr&ouml;&szlig;eren Perspektiven'. Auch diese Prozesse spielen sich au&szlig;erhalb jeder &Ouml;ffentlichkeit ab &ndash; auch der linken.&quot;<sup>1</sup> Nicht wieder sollte ein solcher Prozess faktisch unter Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit laufen! Opfer durchleben als Zeugen besonders schmerzhaft die Leiden der Vergangenheit. Oft blieben sie damit allein. Dem woll&shy;ten wir mit einer nachtr&auml;glichen Zeugenbetreuung entgegenwirken. Ein Prozess gegen einen 86-j&auml;hrigen &ndash; das konnte eine Art &bdquo;Mitleid&rdquo; f&ouml;rdern, das nur den Angeklagten sah, aber die Opfer verga&szlig;. Ein solcher Prozess konnte Wasser auf die M&uuml;hlen derjenigen sein, die endlich einen &bdquo;Schlu&szlig;strich&rdquo; unter die Nazizeit ziehen wollen. Exilletten bef&uuml;rchteten, der Prozess werde &ndash; nach alter sowjetischer Methode &ndash; zur pauschalen Denunziation der antikommunistischen Exilletten als Faschisten instrumentalisiert oder zum Abw&auml;lzen deutscher historischer Schuld dienen. Solche kontraproduktive Wirkungen wollten wir auffangen.</p>
<p>Vor allem aber wollten wir helfen, dass der Prozess als Chance der Erinnerung wahr-genommen werden konnte! In unserem ersten Flugblatt vom Januar 1990 hie&szlig; es:</p>
<p><em>&bdquo;Erinnern f&uuml;r die Zukunft! Wir rufen auf: Seht heute hin, nicht weg! Nutzt die Chan</em><em>ce der Erinnerung, besucht den Prozess! Es ist auch ein Zeichen der Solidarit&auml;t mit den Opfern des Nazi-Terrors. Mit einigen Freundlnnen aus der Friedensbewegung haben wir eine st&auml;ndige Prozessbeobachtung organisiert und bieten einzelnen Gruppen (z.B. Schulklassen) und der Presse folgende Hilfestellungen an: (...)&rdquo;</em></p>
<p>H&auml;tten wir allerdings damals geahnt, wie lange der Prozess laufen w&uuml;rde, wir h&auml;tten uns wahrscheinlich nicht auf das Projekt eingelassen. Doch als es lief und lief, da waren unsere Beziehungen zu vielen &Uuml;berlebenden des Rigaer Ghettos l&auml;ngst so freundschaftlich geworden, dass wir uns absolut in der Pflicht f&uuml;hlten.</p>
<p><strong>Elemente der Prozessbeobachtung und -begleitung waren:</strong></p>
<p>F&uuml;hrung des Protokollbuches &ndash; insgesamt 1.511 Seiten;</p>
<p>eigene Recherchen u.a. bei mehreren Lettlandaufenthalten (im Sommer 1990 Besuch der Tatorte im Raum Rezekne), in New York bei der &bdquo;Anti-Defamation League&rdquo; of B'nai B'rith, in der Ludwigsburger Zentralstelle; hierbei fanden wir hervorragende Unterst&uuml;tzung durch Elliot Welles, Direktor der Task Force for Nazi War Criminals der ADL, der seit den 70er Jahren in Sachen M. ermittelte, und durch Margers Vestermanis, Leiter der Dokumentationsstelle &bdquo;Juden in Lettland&rdquo;;</p>
<p>Erstellung von Hintergrundmaterialien (z.B. einer 80-seitigen Materialienmappe) f&uuml;r Journalisten, Lehrerinnen, Sch&uuml;lergruppen und andere Interessierte; Herausgabe von insgesamt 13 Prozess-Infos &uuml;ber den aktuellen Verfahrensstand und bevor-stehende interessante Zeugenvernehmungen;</p>
<p>Information von Journalisten und NS-Opferorganisationen (&bdquo;Survivors of the Riga Ghetto&quot; in New York, &bdquo;Verein der ehemaligen j&uuml;dischen Ghetto- und KZ-H&auml;ftlinge Lettlands&rdquo; in Riga), Presseerkl&auml;rungen und -gespr&auml;che; Dokumentation des Prozesses in einem laufenden Pressespiegel (66 Ausgaben);</p>
<p>ca. 20 Begleitveranstaltungen (Diavortr&auml;ge) vor allem vor Sch&uuml;lergruppen. So viele &bdquo;Erinnerungshilfen&rdquo; anzubieten, war nur m&ouml;glich, weil uns Kopierer, Faxger&auml;t und Frankiermaschine im B&uuml;ro der M&uuml;nsteraner &bdquo;Gr&uuml;nen&rdquo; kostenlos und zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verf&uuml;gung standen.</p>
<p>Parallel zur Prozessbeobachtung begann ich 1991 eine Spendenkampagne f&uuml;r ein Ghetto-Mahnmal in Riga, der sich 1993 eine Spendensammlung f&uuml;r &bdquo;vergessene&rdquo; NS-Opfer in Lettland anschloss.</p>
<p><strong>Gerichtsszenen</strong></p>
<p>(<em>nach Protokollnotizen der ProzessbeobachterInnen</em>)<sup>2</sup></p>
<p><span style="text-decoration: underline;">1. Februar 1990</span>: Zeuge G&uuml;nter Tabbert, Ex-SS-Obersturmf&uuml;hrer und Kriminal&shy;hauptkommissar a.D., kommt in Trenchcoat mit Lodenhut. Im Verfahren gegen ihn 1969 vor dem Dortmunder Landgericht war der Komplex Audrini ausgeklammert worden. &bdquo;Nach der Verhandlung spreche ich ihn vor dem Gerichtssaal an und konfrontiere ihn mit der von ihm gezeichneten Bekanntmachung der KdS-Au&szlig;enstelle D&uuml;naburg &uuml;ber die von ihm angeordnete Erschie&szlig;ung der 47 Einwohner des lettgallischen Dorfes Morduki am 6.1.1942 (`... in konsequenter Anwendung des angek&uuml;n&shy;digten Strafma&szlig;es bei dem Vorfall von Audrini'). Ganz gelassen antwortet er: Sicher sei das sein Name, in Wirklichkeit habe die Bekanntmachung ein B. unterzeichnet. Im Prozess sei der Vorwurf schon entkr&auml;ftet worden.&rdquo; Angesichts der riesigen Aktenmengen und der damit f&uuml;r die Verteidigung gegebenen Verz&ouml;gerungsm&ouml;glich&shy;keiten k&ouml;nne der Prozess drei Jahre dauern, so der Staatsanwalt. Ich kann und will das nicht glauben.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">12. Februar</span>: &bdquo;Der Richter liest heute schneller als sonst. (...) Ich komme nicht mehr mit, ich streike!&rdquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">22. Februar</span>: &bdquo;Und es gibt Sonderordner, Sonderb&auml;nde, keiner wei&szlig; Bescheid, aber es wird sortiert. Und irgendwann, wenn alle durchblicken, steigen wir vielleicht auch durch.&rdquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">6. M&auml;rz</span>: Brief von Sigi Weinberg: Als 22-j&auml;hriger war er zusammen mit seine Schwester Ruth Ende 1941 von M&uuml;nster ins Ghetto Riga deportiert worden. Von ihm stammt der &bdquo;Weinberg-Bericht&rdquo; von 1944, der ausf&uuml;hrlich die Verh&auml;ltnisse in den Lagern von Riga schildert und 1987 ver&ouml;ffentlicht wurde. Unbekannt war bisher der weitere Lebensweg Weinbergs. Auf Anfrage stellte E. Welles den Kontakt zwischen dem heute in Brooklyn lebenden Weinberg und dem Autor her.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">8. M&auml;rz</span>: Zeuge A. Berzins, Ex-Obersturmf&uuml;hrer der Lettischen Waffen-SS, der sich 1941 freiwillig zum &bdquo;Kampf gegen den Bolschewismus&rdquo; gemeldet hatte: `Von Judenerschie&szlig;ungen wusste jeder'. Kommentar: &bdquo;Sehr oberfl&auml;chliche Befragung. Will man von ihm nichts Genaueres wissen?&rdquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">9. April</span>: Die erste Vernehmungsfahrt nach Riga wird allerfr&uuml;hestens im Juni laufen k&ouml;nnen. Nach Eingang eines Rechtshilfegesuchs bei den sowjetischen Beh&ouml;rden vergehen in der Regel anderthalb Monate. Zurzeit nicht einmal bekannt, welche Zeugen noch leben und verhandlungsf&auml;hig sind. &bdquo;Es dauert doch etwas l&auml;nger, als wir optimistisch gedacht haben.&rdquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">19. April</span>, 6 Zuschauer, WN, MZ, dpa, WDR: &bdquo;Erst mein 3. Vormittag: &auml;tzend, nervig die Verlesungen. Bekomme regelrechte Abneigung gegen Prozess. Wie haben das bisher Annegret und vor allem Angela nur durchhalten k&ouml;nnen!!!&quot;(Protokollnotiz W.N.) Die Verhandlung dieses 19. Sitzungstages endet um 14.50 Uhr.</p>
<p>April, Anruf von E. Welles, New York: Bei seinem Besuch der ersten Gerichts&shy;verhandlungen in M&uuml;nster sei ihm ein Mann aufgefallen, den er in SS-Uniform beim E.K. 2 in Riga gesehen habe, wo er als Ghettoinsasse damals habe Wagen waschen m&uuml;ssen.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">3. Mai</span>: M. hat in der Mittagspause nichts zu essen bekommen. Richter: &bdquo;Das gibt Krach!&rdquo;</p>
<p>&bdquo;Am Montag, <span style="text-decoration: underline;">7. Mai</span>, starb Adolfs Silde. Am Vormittag war er noch im Prozess gewesen. S. hat die Verteidigung bei Voruntersuchungen beraten und auch &uuml;bersetzt. Am <span style="text-decoration: underline;">12. Mai</span> erscheint in WN (Westf&auml;lische Nachrichten) und MZ (M&uuml;nstersche Zeitung) ein Nachruf &ndash; eine Presseerkl&auml;rung `Einsatz f&uuml;r die Verfolgten'. Zum Kotzen angesichts dieses (...) prominentesten Exilfunktion&auml;rs mit NS-Vergangenheit.<sup>3</sup> (...) Da auf den Nachruf eine &ouml;ffentliche Reaktion nicht drin ist, schicke ich ihn wenigstens herum. Prof. Bernhard Press, &Uuml;berlebender des Holocaust in Lettland und Autor von `Judenmord in Lettland', antwortet ersch&uuml;ttert, aber ohnm&auml;chtig.&rdquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">21. Mai</span>: &bdquo;Der Staatsanwalt reagiert zum wiederholten Male unwillig auf Besuchergruppe - `was wollen die denn hier &ndash; uninteressant!' Keinerlei Bem&uuml;hen, die eigene Sache zu `verkaufen', zu vermitteln. Der MZ-Mann: F&uuml;r die MZ sei der Prozess gestorben.&rdquo;</p>
<p>Diavortrag zu Hintergr&uuml;nden und Stand des Prozesses im Rahmen der &bdquo;Antifa-Woche&rdquo; im Regenbogensaal: Verschiedene Beobachtungen zeigen, dass die Polizei &ndash; in Uniform wie in Zivil &ndash; besonderes Interesse an der Veranstaltung hat.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">28. Mai</span>: Klage des WDR-Vertreters &uuml;ber die v&ouml;llig unzureichende Pressearbeit der Pressestelle des Landgericht: Von ihr komme keinerlei Information, man k&ouml;nne schlie&szlig;lich nicht immer da sein. Auch bei Nachfrage komme nichts. &bdquo;Haarspalterische Prozessf&uuml;hrung&rdquo;, wo &uuml;ber die Kl&auml;rung von Kinkerlitzchen v&ouml;llig der Inhalt verblasse.</p>
<p>Ab <span style="text-decoration: underline;">August 1990</span> wird aus gesundheitlichen Gr&uuml;nden nur noch vormittags verhandelt.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">26. November</span>: &bdquo;M. trat aus dem Saal, sah mich (?), lachte breit und gr&uuml;&szlig;te. (Ich sah keinen hinter mir) Falls er tats&auml;chlich mich meinte, war es `Siegeslachen', Freundlichkeit oder Zufall?&rdquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">30. Dezember</span>, 9.10 bis 9.45 Uhr (104. Sitzung, keine Zuschauer): Verlesung des ca. 130. Vernehmungsprotokolls, hier des J. J. Melnis von 1946: &bdquo; ... Abends 10 Mann Erschie&szlig;ungskommando, die acht Schritte vor den H&auml;ftlingen, Kopfsch&uuml;sse. Die einen weinten. Kinder, die nichts verstanden, spielten im Schnee. (W&auml;hrend der &Uuml;bersetzer die lettische Fassung eines Protokolls verliest, schreibt der Angeklagte die ganze Zeit konzentriert mit, unterstreicht, schreibt weiter. Heute auff&auml;llig gesunde, leicht gebr&auml;unte Gesichtsfarbe, als habe er einige Urlaubstage an der Sonne hinter sich.) S&auml;mtliche Polizisten waren betrunken und nicht in der Lage, die Menschen sofort zu t&ouml;ten. Dann gingen sie an die Grube und gaben den Menschen mit Pistole und Gewehr den Gnadenschuss. Oft krochen S&auml;uglinge weiter, die mit der Pistole erschossen wurden. Habe bei f&uuml;nf Gruppen mitgeschossen, f&uuml;nf erschossen, auch Frauen. (...) Nach der Verhandlung w&uuml;nscht M. dem Verteidiger und &Uuml;bersetzer langsam `gutes neues Jahr', l&auml;chelt freundlich und entspannt auch zu mir.&rdquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">14. Januar</span> <span style="text-decoration: underline;">1992</span> (106.): Die ehemaligen KGB-Beamten Berzins, Gotthards und Revalds treten als Zeugen auf. Neben der Lokalpresse sind vertreten dpa, Reuter, WAZ, FR, RTL, SAT 1, Newsday.</p>
<p>&bdquo;G. tritt sehr souver&auml;n und nicht ungeschickt auf; steht voll zu seiner fr&uuml;heren T&auml;tigkeit; Ungesetzliches habe es nur beim KGB-Vorl&auml;ufer gegeben &ndash; aber auch die erscheinen fast in mildem Licht. Sogar von den NKWD-Morden 1941 in Rezekne will er nichts geh&ouml;rt haben. An verschiedenen Stellen pr&auml;sentiert er deutlich die Arroganz der Macht: Betonung des Juristen-Laien-Unterschieds ...&rdquo; Vor dem Gerichtssaal: &bdquo;Gestern und heute etliche Exilletten. Hauptthema immer wieder die Grausamkeiten des KGB (z.T. pers&ouml;nliche Erfahrungen); dass nur immer von Juden&shy;verfolgung die Rede sei, andere Opfer aber vergessen w&uuml;rden; dass das am j&uuml;dischen Einfluss liegen w&uuml;rde (...) Wohl wagt keiner, Naziverbrechen zu leugnen, aber die Aufrechnerei, vor allem Relativiererei dabei ist offensichtlich!! In mir steigt Wut hoch. Kleinere Auseinandersetzung mit dem Korrespondenten der Brivas Latvija &uuml;ber Aizsargi/Miliz und Juden, `die Druck machen'.(...) Wenn die M&auml;nner mit anderen reden, tun sie es meist eifernd, missionarisch, indoktrinierend, keineswegs dialogisch. M. scheint in ihrem Kreis wohl aufgehoben zu sein und gest&uuml;tzt zu werden. Unter ihnen zwei, die in Lettland im Gef&auml;ngnis sa&szlig;en und ausgewiesen wurden. Einer von Revalds vernommen.</p>
<p>M. f&uuml;hlt sich sehr sicher, gibt sich immer lockerer, gew&auml;hrt heute erstmalig einem Journalisten (Newsday) ein Interview, l&auml;sst sich von dpa fotografieren. Beim Abschied freundlich lachend, H&auml;ndedruck, Winken.&quot;</p>
<p>Ein Tag wie viele andere: &bdquo;Dienstags oder freitags gegen 9.00 Uhr treffen im Foyer des Landgerichts ca. zehn Personen ein. Man gr&uuml;&szlig;t sich freundlich per Handschlag, plaudert ein wenig zur letzten Zigarette. Auf Signal hin betreten die Personen den gro&szlig;en Saal 23, nehmen ihre Pl&auml;tze ein &ndash; die f&uuml;nfk&ouml;pfige Zweite Gro&szlig;e Strafkammer samt Ersatzsch&ouml;ffen und Ersatzrichter, Staatsanwalt, Verteidiger, &Uuml;bersetzer, ein bis zwei Zuschauern, ein alter Mann. Abwechselnd in Deutsch und Lettisch werden Vernehmungsprotokolle inzwischen verstorbener Zeugen verlesen. Nach 20 bis 30 Minuten wird die Verhandlung beendet und bis n&auml;chste Woche vertagt.&rdquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">1. Juni 1992</span> (126.) Kommentar: &bdquo;Die KGB-Masche l&ouml;st sich sang- und klanglos auf. 2. Kommentar: M. regelrecht urlaubsbraun, er erscheint so erholt wie niemand sonst im Saal. Am Ende geradezu l&auml;cherliche Stimmung auch bei uns. Das Thema geht verloren.&rdquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">17. Juli</span>: &bdquo;9.35 Uhr schw&uuml;le Atmosph&auml;re in Raum 23, ein Licht flackert. Abgesehen von Ersatzsch&ouml;ffin S. ist der Angeklagte der mit der br&auml;unsten Gesichtsfarbe &ndash; ob er sich w&ouml;chentlich meldet? Die Ank&uuml;ndigung, dass heute mehr geschafft werden soll, l&auml;sst schon jetzt bei mir erste k&ouml;rperliche Abneigung hochkommen, das Gef&uuml;hl 'hoffentlich ist bald Schluss!' Langeweile steigt hoch, erstickt Interesse. V.Ri. fragt M., ob er eine Zwischenfrage habe. M.: `sp&auml;ter'. &ndash; Sehr h&ouml;flicher Wortwechsel mit freundlichem L&auml;cheln!! (...) W&auml;hrend der Lettisch-Verlesung sieht V.Ri. nach rechts zum Sch&ouml;ffen, der zu schlafen scheint. Ist aber nicht. F&uuml;nf Minuten sp&auml;ter: der zweite Sch&ouml;ffe.&rdquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">9. M&auml;rz 1993</span>: &bdquo;OSt. bl&auml;ttert in Illustrierte. 10.13 Uhr Saal 23 wird zum gro&szlig;en Schlafsaal.&rdquo; 10.20. Uhr Vertagung.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">16. M&auml;rz</span> (169.): Kommentar: &bdquo;Tendenzen/Anzeichen, dass der Prozess `ausl&auml;uft'?&rdquo;</p>
<p><strong>An den Tatorten</strong></p>
<p>Im Sommer 1990 besuchten meine Frau und ich die Tatorte in Ostlettland: &bdquo;Auf der Fahrt von Riga ins 240 km entfernte Rezekne nimmt das d&uuml;nn besiedelte Lettgallen, das `Land der tausend H&uuml;gel und Seen', schnell f&uuml;r sich ein. Die lettische Nachrichtenagentur LETA hat f&uuml;r die Reise einen Kleinbus mit Fahrer zur Verf&uuml;gung gestellt.</p>
<p>Unser erster Anlaufpunkt ist das Heimatmuseum. Die Direktorin und mehrere Mit&shy;arbeiterinnen empfangen uns. Etwas &uuml;berrascht sie, dass wir nicht wegen einer Ausstellung zeitgen&ouml;ssischer lettgallischer K&uuml;nstler, sondern wegen des lange zur&uuml;ck-liegenden Falls Audrini gekommen sind. Im Prozess sind bisher zig Namen von (Mit-)T&auml;tern des Naziterrors gefallen. Die Ermordeten von Audrini sind bisher v&ouml;llig namen- und gesichtslos geblieben. Wir fragen nach Namen-Fotos. Die Frauen reagieren skeptisch: Hier habe man die Namen nicht vollst&auml;ndig. Nach einigem Suchen finden sich aber doch zwei Listen: die der drei&szlig;ig M&auml;nner aus Audrini, vorn 60-j&auml;hrigen F. Glusnovs bis zum 13-j&auml;hrigen V. Glusnovs; und die Gesamtliste der Ermordeten, darunter die 110 Jahre alte Vera Glusnova und Stepanida Glusnova mit einem Neugeborenen. Von wenigen existieren auch Fotos, zum Beispiel von den 1925 geborenen Freundinnen Klaudija Lisova und Anfisa Glusnova. Vertrauensvoll lassen uns die Frauen ohne jede Aufsicht mit den Archivalien zum Abfotografieren auf den Hof.</p>
<p>Ca. 500 Meter vom Marktplatz entfernt liegt am idyllischen Ufer der Rezekne das Gel&auml;nde des fr&uuml;heren Leschinski-Gartens, der ersten Erschie&szlig;ungsst&auml;tte von 1941. &Uuml;ber dem Massengrab sind Baumst&auml;mme gestapelt, keinerlei Zeichen der Erinnerung. Wir &uuml;berqueren das Wehr und gehen den Weg zum Gef&auml;ngnis hinauf. Hierunter wurden damals die Gefangenen zur Erschie&szlig;ung getrieben. An der Hauptstra&szlig;e liegen Kirche und das heute als Fabrik genutzte ehemalige Gef&auml;ngnis einander schr&auml;g gegen&uuml;ber. Die Gef&auml;ngnismauer Richtung Marktplatz, an der die 30 M&auml;nner aus Audrini erschossen wurden, steht nicht mehr. Drei Kilometer vom Marktplatz finden wir hinter einem Bretterzaun den alten j&uuml;dischen Friedhof. An die Massaker erinnert &ndash; nur f&uuml;r Kundige erkennbar &ndash; ein Geviert von wenigen Metern. Eine unleserliche Inschrift &bdquo;soll demn&auml;chst erneuert werden&rdquo;. Unmittelbar hinter der heutigen Stadtgrenze beginnen die bewaldeten Ancupani-H&uuml;gel. Niemand begegnet uns auf der Gedenkst&auml;tte mitten im Wald. Zwischen j&uuml;ngeren B&auml;umen die Grundmauern des H&auml;uschens, wo sich die Todgeweihten entkleiden mussten. Einige Meter weiter erstreckt sich nach rechts und links eine Schneise durch den Wald: neben einer niedrigen Mauer und einem Weg ein einziges Massengrab. Am Kopfende des Riesengrabes eine Inschrift mit den Worten &bdquo;Sie starben, damit Du lebst&rdquo; &ndash; ein Hohn angesichts der sinn- und besinnungslos Hingemetzelten.</p>
<p>Einige Kilometer weiter direkt an der Stra&szlig;e auf einem H&uuml;gel weithin sichtbar das Mahnmal von Audrini, eine in sich verschmelzende Familie. Die Anlage ist auff&auml;llig gepflegt.&quot;<sup>4</sup></p>
<p><strong>Prozessbeteiligte</strong></p>
<p>Anf&auml;ngliche Bef&uuml;rchtungen bewahrheiteten sich nicht. Die II. Gro&szlig;e Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Hanno Badewitz verhandelte ruhig und sachlich, sehr r&uuml;cksichtsvoll gegen&uuml;ber dem alten Angeklagten und akribisch in der Sache. Opferzeugen wurden sensibel befragt, andere Zeitzeugen wie der ehemalige SS-Obersturmf&uuml;hrer Tabbert aus D&uuml;sseldorf oder der ehemalige Obersturmf&uuml;hrer der Lettischen Waffen-SS Berzins aus M&uuml;nster wurden kaum weniger schonend vernommen. &Auml;u&szlig;erst penibel wurden immer wieder &Uuml;bersetzungen und Vernehmungsprotokolle gepr&uuml;ft.</p>
<p>Anl&auml;sslich des 100. Verhandlungstages fragte ich bei einem Pressegespr&auml;ch kritisch an, ob der Kammer von den Zust&auml;ndigen gen&uuml;gend Entlastung geschaffen werde, um den unter besonderem Leistungs- und Zeitdruck stehenden Prozess z&uuml;gig durch-zuf&uuml;hren. Der Pressedezernent des LG wies die angedeutete Kritik als unrichtig zur&uuml;ck. Offenkundig war allerdings, dass Bundesjustizministerium und Ausw&auml;rtiges Amt mit ihrem b&uuml;rokratischen Dienstweg das Verfahren verlangsamten. Die Staatsanwaltschaft war im gesamten &ouml;ffentlichen Teil des Verfahrens eher unauff&auml;llig.</p>
<p>Der Angeklagte: Der kleine alte Mann machte einen erstaunlich r&uuml;stigen und wachen Eindruck. Konzentriert verfolgte er die Verhandlung und machte sich immer wieder Notizen. &Auml;u&szlig;erungen von Zeugen, auch schwere Vorw&uuml;rfe, h&ouml;rte er sich ohne jede &auml;u&szlig;erlich erkennbare Regung an. Seine Stellungnahmen zu Zeugenaussagen waren in der Regel pr&auml;zise.</p>
<p>Anfang 1991 schrieb ich dem noch in der JVA Bochum einsitzenden Angeklagten einen ausf&uuml;hrlichen Brief:</p>
<p>&bdquo;<em>Sie sind jetzt 86 Jahre alt. Sie stehen an Ihrem Lebensabend. Als gl&auml;ubiger Christ werden Sie sich Gedanken machen, wie Sie Ihrem Sch&ouml;pfer entgegentreten wollen. K&ouml;nnten Sie ihm mit denselben Worten gegen&uuml;bertreten wie Ihrem irdischen Richter? (...) Niemand von den &Uuml;berlebenden des Naziterrors, die ich sprach, hat ihnen gegen&uuml;ber Rachegef&uuml;hle; nur den Funken einer Hoffnung, dass endlich mal die Wahrheit gesagt wird von einem, der verwickelt war, dass endlich mal jemand Schluss macht mit den Ausreden, mit den Ablenkungsman&ouml;vern, mit der fortgesetz</em><em>ten Qu&auml;lerei der Gequ&auml;lten von damals. Berichten, was war: Es w&uuml;rde denjenigen </em><em>Mut machen, die gegen unmenschliche Verh&auml;ltnisse und Systeme ank&auml;mpfen &mdash; wo</em><em> auch immer. (...)</em></p>
<p><em>Von ganzem Herzen w&uuml;nsche ich Ihnen Kraft zur Wahrheit! (...) Zur Erinnerung an</em><em> die Menschen von Audrini, die in diesen Tagen vor genau 49 Jahren grausam </em><em>erschossen wurden und die bisher w&auml;hrend des Prozesses so namen- und gesichtslos</em><em> waren, lege ich Ihnen einige Fotos bei</em>.&quot;</p>
<p>Der Brief blieb ohne Antwort. Irgendwann begann man sich zu gr&uuml;&szlig;en.</p>
<p>Die Verteidigung nahm ihre Aufgabe korrekt und ohne jede falsche Identifizierung mit dem Angeklagten wahr. Die Notwendigkeit solcher Prozesse sieht sie. Im Unterschied zum Oberstaatsanwalt zeigte sich die Verteidigung offen und gespr&auml;chsbereit.</p>
<p><strong>&Ouml;ffentlichkeit</strong></p>
<p>Dass dieser Fall mal die Gem&uuml;ter in Lettland und den USA erregt hatte, war kaum noch zu sp&uuml;ren.</p>
<p>Zur Er&ouml;ffnung, beim Auftritt der ehemaligen KGB-Beamten aus Riga, bei wenigen Zeitzeugen und bei der Verfahrenseinstellung fand der Prozess etwas mehr &ouml;ffentliche Resonanz. Zwanzig Zuschauer waren schon viel, vierzig ungew&ouml;hnlich. Mehr als zehn Sch&uuml;lergruppen besuchten den Prozess. Bei ca. 70 Sitzungen war die Presse anwesend, bei einem Viertel der 206 Sitzungen sa&szlig; die Prozessbeobachterin allein im Zuschauerraum.</p>
<p>&Uuml;ber weite Strecken wirkte der Prozess f&uuml;r Besucher v&ouml;llig abweisend und &bdquo;lang&shy;weilig&rdquo; &mdash; im krassen Gegensatz zu den Unmenschlichkeiten, um die es hier ging, und Welten entfernt von fernsehgepr&auml;gten Erwartungen gegen&uuml;ber einem Mordprozess. Verhandlungsdauer und Verhandlungsf&uuml;hrung machten es &auml;u&szlig;erst schwer, den Prozess als &bdquo;Chance der Erinnerung&rdquo; wahrzunehmen &mdash; auch f&uuml;r die ProzessbeobachterInnen.</p>
<p>Nichtsdestoweniger machten wir immer wieder auf die M&ouml;glichkeit eines &bdquo;begleiteten&rdquo; Prozessbesuches aufmerksam. Und da war es doch &bdquo;bemerkenswert, wie wenig M&uuml;nsteraner Geschichts- und Politikkolleginnen, wie wenige `Linke' die Chance nutzten, sich mit diesem Lehrst&uuml;ck &uuml;ber NS-Massenvernichtung und Kollaboration, &uuml;ber stalinistischen Terror, &uuml;ber die &bdquo;Verarbeitung&rdquo; dieser Geschichte in Ost und West und die Rolle von KGB, CIA und westdeutschen Beh&ouml;rden dabei auseinanderzusetzen. Wir sp&uuml;rten viel `wohlwollendes Desinteresse', die sanfte Variante der Schlu&szlig;strichmentalit&auml;t.&quot;<em><sup>5</sup></em></p>
<p>Die Lokalpresse verhielt sich durchweg offen und kooperativ, besonders lange hielten Journalistlnnen von Westf&auml;lischen Nachrichten und dpa beim Prozess aus &ndash; obwohl die Sitzungen vielfach keinen &bdquo;Nachrichtenwert&rdquo; hatten. Ausf&uuml;hrliche Hintergrundartikel erschienen im &bdquo;Stadtblatt&rdquo; und im &bdquo;Maulwurf&rdquo;, der Zeitung der GAL M&uuml;nster. Die Pressestelle des Gerichts hingegen war f&uuml;r uns praktisch nicht bemerkbar.</p>
<p>Bis auf taz, Westf&auml;lische Rundschau/Dortmund, Frankfurter Rundschau und stern zeigte die &uuml;berregionale deutsche Presse trotz mehrfacher Angebote kein Interesse. Ausf&uuml;hrlich hingegen berichteten Atmoda und Diena (Riga), der Pulitzer-Preistr&auml;ger Roy Gutman f&uuml;r Newsday (Long Island/ USA), Rindert Paalman f&uuml;r Dagblat Tubantia (Enschede). In der &bdquo;Allgemeinen J&uuml;dischen Wochenzeitung&rdquo; sowie dem &bdquo;Aufbau&rdquo;, der einzigen deutschsprachigen j&uuml;dischen Zeitung der USA, erschienen Prozessberichte. Die &bdquo;Newsletter&rdquo; der &bdquo;Society of Survivors of the Riga Ghetto&rdquo; in New York verbreitete Teile des M&uuml;nsteraner Pressespiegels weltweit.</p>
<p>Vor allem der Westdeutsche Rundfunk berichtete mehrfach in H&ouml;rfunk und Fernse&shy;hen. Hierf&uuml;r stellten die Prozessbeobachter Film-, Foto- und Dokumentenmaterial zur Verf&uuml;gung. Die Deutsche Welle/TV sandte zum Prozessende einen Beitrag.</p>
<p>Die Bef&uuml;rchtung von exillettischer Seite, mit dem Prozess werde historische Verantwortung auf Letten abgeschoben, bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil: Bei den ProzessbeobachterInnen wuchs die Anteilnahme am Unabh&auml;ngigkeitsprozess der baltischen Staaten, den wir aktiv in M&uuml;nster und landesweit mit Protestschreiben an die sowjetische Botschaft, Teilnahme an Mahnwachen und Veranstaltungen zu unterst&uuml;tzen suchten. Einladungen zu Veranstaltungen im Lettischen Zentrum bzw. Gymnasium waren daf&uuml;r ein Zeichen. In zugespitzten Konfliktsituationen im Baltikum betrieben wir die &Ouml;ffentlichkeitsarbeit zum Prozess mit besonderer Zur&uuml;ckhaltung, um nicht ungewollt einer Distanzierung gegen&uuml;ber den legitimen Unabh&auml;ngigkeitsbestrebungen der baltischen Bev&ouml;lkerung Vorschub zu leisten.</p>
<p>&bdquo;Als das &uuml;berzeugende &auml;rztliche Gutachten dem Prozess ein pl&ouml;tzliches Ende setzte, sp&uuml;rten wir etwas Erleichterung &uuml;ber das Ende einer inzwischen l&auml;stigen Pflicht.</p>
<p>Zusammen mit befreundeten &Uuml;berlebenden des Rigaer Ghettos, mit Elliot Welles, Margers Vestermanis, David Garber f&uuml;hlten wir aber vor allem Trauer und Zorn: Die Hoffnung, dieser (zu) sp&auml;te Prozess k&ouml;nne die Tradition der notorischen Gro&szlig;z&uuml;gig&shy;keit gegen die T&auml;ter durchbrechen, war zerbrochen. Die Strafvereitler in hohen &Auml;mtern aus den 70er und 80er Jahren hatten mit Hilfe der `biologischen L&ouml;sung' ihr Ziel erreicht. Die letzte Chance, das Massaker von Audrini und die NS-Massenmorde in Ostlettland juristisch aufzuarbeiten, ist vorbei. Dass einmaliges Material f&uuml;r die historische Forschung bleibt, ist ein schwacher Trost.&quot;<sup>6</sup></p>
<p><strong>II. Historischer Hintergrund</strong></p>
<p>&Uuml;ber Jahrhunderte war die Geschichte Lettlands durch die Vorherrschaft fremder M&auml;chte gepr&auml;gt. In kurzer Folge w&uuml;hlten Revolutionen (1905, 1917, 1919), Krieg und B&uuml;rgerkrieg (1918-1920) das Land auf. 1920 entstand zum ersten Mal ein unabh&auml;ngiger lettischer Staat, der ab 1934 autorit&auml;r regiert und am 14. Juni 1940 durch den Einmarsch der Roten Armee liquidiert wurde. Im Juni 1941 erreichte die Sowjetherrschaft ihren traumatisierenden H&ouml;hepunkt: Eine Woche vor dem deut&shy;schen &Uuml;berfall wurden 14.500 Menschen aus Lettland in die Sowjetunion deportiert. Kurz vor dem R&uuml;ckzug der Roten Armee richtete die sowjetische Geheimpolizei NKWD in den Gef&auml;ngnissen des Landes ein Blutbad an, dem nach Angaben von 1943 mindestens 900 Menschen zum Opfer fielen.</p>
<p>Als Verb&auml;nde der deutschen Heeresgruppe Nord Ende Juni/Anfang Juli 1941 Lettland besetzten, als das westf&auml;lische Panzerregiment 11 bei Livani/Lievenhof die Daugava &uuml;berquerte, wurden sie von erheblichen Teilen der Bev&ouml;lkerung als &bdquo;Befreier&rdquo; begr&uuml;&szlig;t. Kurz sp&auml;ter durchquert das Regiment im Rahmen der 6. Panzer&shy;division/Panzergruppe 4 den Raum Daugavpils/Rezekne.</p>
<p><strong>Die &bdquo;Einsatzgruppen von Sicherheitspolizei und SD&rdquo;</strong></p>
<p>Am 30 M&auml;rz 1941 hatte Hitler vor 250 Gener&auml;len den geplanten Krieg gegen die Sowjetunion als &bdquo;Kampf zweier Weltanschauungen&rdquo; charakterisiert. Gegen&uuml;ber dem &bdquo;asozialen Verbrechertum&rdquo; des Bolschewismus m&uuml;sse man &bdquo;von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abr&uuml;cken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.&quot;<em><sup>7</sup></em> Die Wehrmachtsf&uuml;hrung &uuml;bernahm die Vernichtungsweisung und konkretisierte sie in einer Vielzahl von Befehlen. So der Befehlshaber der sp&auml;ter im Baltikum zum Einsatz kommenden Panzergruppe 4, Generaloberst Hoepner, in seinem Befehl zur Kampff&uuml;hrung im Osten vom 2. Mai 1941: &bdquo;Der Krieg gegen Ru&szlig;land ist ein wesentlicher Abschnitt im Daseinskampf des deutschen Volkes. Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung der europ&auml;ischen Kultur gegen moskowitisch-asiatische &Uuml;berschwemmung, die Abwehr des j&uuml;dischen Bolschewismus. Dieser Kampf muss die Zertr&uuml;mmerung des heutigen Ru&szlig;land zum Ziel haben und mit unerh&ouml;rter H&auml;rte gef&uuml;hrt werden. Jede Kampfhandlung muss in Anlage und Durchf&uuml;hrung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, v&ouml;lligen Vernichtung des Feindes geleitet sein. Insbesondere gibt es keine Schonung f&uuml;r die Tr&auml;ger des heutigen russisch-bolschewistischen Systems.&quot;<sup>8</sup> Der Erlass des Chefs des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Keitel, &uuml;ber die &bdquo;Aus&uuml;bung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet `Barbarossa' und &uuml;ber besondere Ma&szlig;nahmen der Truppe&rdquo; vom 13. Mai 1941 befahl eine Kriegf&uuml;hrung ohne jede kriegsv&ouml;lkerrechtliche Einschr&auml;nkung:</p>
<p>&bdquo;(..) Freisch&auml;rler sind durch die Truppe im Kampf oder auf der Flucht schonungslos zu erledigen. (..)</p>
<p>Gegen Ortschaften, aus denen die Wehrmacht hinterh&auml;ltig oder heimt&uuml;ckisch angegriffen wurde, werden unverz&uuml;glich auf Anordnung eines Offiziers in der Dienststellung mindestens eines Bataillons- usw. Kommandeurs kollektive Gewaltma&szlig;nahmen durchgef&uuml;hrt, wenn die Umst&auml;nde eine rasche Feststellung einzelner T&auml;ter nicht gestatten. (...) F&uuml;r Handlungen, die Angeh&ouml;rige der Wehrmacht (..) gegen feindliche Zivilpersonen begehen, besteht kein Verfolgungszwang, auch dann nicht, wenn die Tat zugleich ein milit&auml;risches Verbrechen oder Vergehen ist.&quot;<sup>9</sup> In seinen &bdquo;Richtlinien auf Sondergebieten zur Weisung Nr. 21 (Fall Barbarossa)&rdquo; legte das OKW am 13. M&auml;rz 1941 fest:</p>
<p>&bdquo;Im Operationsgebiet des Heeres erh&auml;lt der Reichsf&uuml;hrer SS zur Vorbereitung der politischen Verwaltung Sonderaufgaben im Auftrag des F&uuml;hrers, die sich aus dem endg&uuml;ltig auszutragenden Kampf zweier Weltanschauungen ergeben.&quot;<sup>10</sup> &bdquo;Einsatzgruppen von Sicherheitspolizei und SD&rdquo; sollten mit ihren Untergliederungen Sonder- und Einsatzkommandos diese &bdquo;Sonderaufgaben&rdquo; wahrnehmen. Ihr Auftrag wurde mit Zustimmung des Chefs der Sicherheitspolizei mit Befehl des Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall von Brauchitsch, n&auml;her beschrieben: Neben der Sicherstellung bestimmter Objekte &bdquo;Erforschung und Bek&auml;mpfung der staats- und reichsfeindlichen Bestrebungen, soweit sie nicht der feindlichen Wehr-macht eingegliedert sind,&rdquo; einschlie&szlig;lich Exekutivma&szlig;nahmen gegen&uuml;ber der Zivilbev&ouml;lkerung.<sup>11</sup></p>
<p>Der Heeresgruppe Nord war das &bdquo;Einsatzkommando A von Sicherheitspolizei und SD&rdquo; zugeordnet mit den Sonderkommandos 1 A (Estland) und 1 B (Wei&szlig;ru&szlig;land, am 9.7.41 in Rezekne) und den Einsatzkommandos 2 (Lettland) und 3 (Litauen). Im Herbst wurden die Kommandos in station&auml;re Stellen umgewandelt. F&uuml;hrer der E.G. waren zugleich &bdquo;Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD&rdquo; (BdS), F&uuml;hrer der E. K. wurden &bdquo;Kommandeure der Sicherheitspolizei und des SD&rdquo; (KdS) mit Au&szlig;enstellen z.B. in Daugavpils (G. Tabbert).</p>
<p>F&uuml;hrer der Einsatzgruppe A war bis 23. M&auml;rz 1942 der SS-Brigadef&uuml;hrer Dr. Stahlecker, des Einsatzkommandos 2 bis Anfang November 1941 Rudolf Batz, vom 4. November bis 3. Dezember 1941 Dr. Strauch, ab 3. Dezember 1941 Dr. Rudolf Lange (zugleich KdS Lettland). F&uuml;hrer des Sonderkommandos 1 B war bis zum 3. Dezember 1941 Dr. Ehrlinger, dann bis Juni 1943 Dr. Strauch.</p>
<p>Im Oktober 1941 erreichte die Einsatzgruppe A eine Gesamtst&auml;rke von 990 Mann: 89 Stapo- und 41 Kripobeamte, 35 SD-Leute, 133 Ordnungspolizisten, 172 Kraftfahrer, 340 Waffen-SS-Angeh&ouml;rige, 87 aus dem besetzten Gebiet stammende Hilfspolizisten, 51 Dolmetscher und 42 Verwaltungsfachleute.</p>
<p>Das Einsatzkommando 2 (Lettland) umfasste 170 Mann.<sup>12</sup> Der Chef der Sicherheitspolizei Heydrich dekretierte in der Richtlinie vom 2. Juli 1941, welche Personengruppen von den Einsatzgruppen &bdquo;zu exekutieren sind&rdquo;: &bdquo;alle Funktion&auml;re der Komintern, wie &uuml;berhaupt die kommunistischen Berufspolitiker schlechthin, die h&ouml;heren, mittleren und radikalen unteren Funktion&auml;re der Partei (..), Volkskommissare, Juden in Partei- und Staatsstellungen, sonstige radikale Elemente, Saboteure, Heckensch&uuml;tzen (..)&rdquo;. Dabei sei dem &bdquo;Selbstreinigungsversuch antikommunistischer und antij&uuml;discher Kreise in den neu zu besetzenden Gebieten keinerlei Hindernisse zu bereiten, sie sind im Gegenteil &ndash; allerdings spurenlos &ndash; zu f&ouml;rdern, ohne dass sich diese &ouml;rtlichen Selbstschutzkreise sp&auml;ter auf Anordnung oder gegebene politische Zusicherung berufen k&ouml;nnen.&quot;<sup>13</sup> Die ersten Einsatzbefehle galten dementsprechend der &bdquo;F&ouml;rderung &ouml;rtlicher Vernichtungsaktionen durch einheimische Kr&auml;fte.&rdquo; (Scheffler)</p>
<p>Die Einsatzgruppen berichteten &bdquo;&uuml;ber den Rahmen ihres Auftrages und &uuml;ber ihre T&auml;tigkeit laufend nach Berlin an das Reichssicherheitshauptamt und erstellten zum Teil selbst eingehende Berichte &uuml;ber l&auml;ngere Einsatzr&auml;ume und -zeiten. Im RSHA wurden die eingehenden Meldungen aller Einsatzgruppen zu den sogenannten &bdquo;Ereignismeldungen UdSSR&rdquo; zusammengestellt und den Referaten und &Auml;mtern des RSHA und auch anderen Dienststellen zugestellt.&rdquo; (Scheffler) Von Juni 1941 bis April 1942 erschienen insgesamt 195 &bdquo;Ereignismeldungen&rdquo;.</p>
<p>Im r&uuml;ckw&auml;rtigen Heeresgebiet setzte Himmler H&ouml;here SS- und Polizeif&uuml;hrer (HSSPF) als oberste Befehlsgeber ein. Im Vormarschraum der Heeresgruppe Nord war das der &bdquo;HSSPF Ostland und Ru&szlig;land Nord&rdquo;. Als pers&ouml;nlicher Vertreter Himmlers hatte ein HSSPF den Oberbefehl bei zusammengefassten Eins&auml;tzen aller dem &bdquo;Reichsf&uuml;hrer SS und Chef der Deutschen Polizei&rdquo; unterstellten Kr&auml;fte. Dem HSSPF waren Befehlshaber der Sicherheitspolizei (BdS) und Befehlshaber der Ordnungspolizei (BdO) zugeordnet und SS- und Polizeif&uuml;hrer (SSPF Lettland W. Schr&ouml;der), schlie&szlig;lich SS- und Polizeistandortf&uuml;hrer (Daugavpils: Vogels) untergeordnet.</p>
<p>HSSPF Ostland und Ru&szlig;land Nord war bis zum 31. Oktober 1941 der SS-Gruppenf&uuml;hrer Hans-Adolf Pr&uuml;tzmann, der dann seinen Dienstposten mit dem bisherigen HSSPF Ru&szlig;land S&uuml;d, dem SS-Obergruppenf&uuml;hrer Friedrich Jeckeln, tauschte.</p>
<p>Die neubesetzten Gebiete r&uuml;ckw&auml;rts des Operationsgebietes erhielten eine politische Verwaltung, die baltischen Staaten und Wei&szlig;ru&szlig;land wurden im Reichskommissariat Ostland (Gauleiter Hinrich Lohse) zusammengefasst. An der Spitze des in vier Generalbezirke unterteilten Reichskommissariats standen Generalkommissare (Lettland Dr. Drechsler), denen Gebietskommissare unterstanden.</p>
<p><strong>Lettische Hilfspolizei</strong></p>
<p>Die relativ kleine Truppe der Einsatz- und Sonderkommandos war &bdquo;Speerspitze eines polizeilichen Massenaufgebots, dass sich in zunehmendem Ma&szlig;e auf nichtdeutsche, nur oberfl&auml;chlich gesiebte, wenig oder gar nicht ausgebildete 'Hilfspolizisten' st&uuml;tzte.&quot;<sup>14</sup> Bevorzugt wurden &bdquo;Angeh&ouml;rige von Opfern des stalinistischen Terrors als Hilfspolizisten engagiert und als Bluthunde zuerst auf alle eventuell noch im Lande befindlichen Kommunisten angesetzt.&quot;<sup>15</sup> Antisemitismus und Antibolschewismus waren wichtigste Auswahlkriterien bei der Rekrutierung landeseigener Hilfskr&auml;fte. Der F&uuml;hrer der Einsatzgruppe A in seinem Bericht vom 15. Oktober 1941: &bdquo;In Lettland hatten sich nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ein Selbstschutz gebildet, der sich aus Angeh&ouml;rigen aller Bev&ouml;lkerungskreise zusammensetzte und daher f&uuml;r polizeiliche Aufgaben zum Teil v&ouml;llig ungeeignet war. Es galt, aus diesem bunt zusammengew&uuml;rfelten, mannigfaltig bewaffneten Trupps eine brauchbare Truppe herauszukristallisieren und vor allem diejenigen Elemente auszuschalten, die durch den Beitritt zu den Selbstschutzformationen ihre bisherige kommunistische Einstellung oder sonst belastete Vergangenheit tarnen wollten. In Riga wurde die erste Aufstellung der Sicherheitspolizei selbst in Angriff genommen, ebenso wie in den sonstigen gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten Lettlands zun&auml;chst Sicherheitskommandos gebildet, die sp&auml;ter in eine Hilfspolizei umgewandelt wurden, die jetzt durchweg aus ausgesuchten, souver&auml;nen, fachlich geschulten Kr&auml;ften besteht. An der Spitze der lettischen Hilfspolizei wurde in den gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten ein Pr&auml;fekt gestellt. Die Hilfspolizeiformation gliedert sich in eine Sicherheits- und eine Ordnungspolizei. Die Sicherheitspolizei, die unter st&auml;ndiger Aufsicht des Einsatzkommandos 2 arbeitet, von ihnen die Arbeitsrichtlinien erh&auml;lt, und &uuml;ber ihre T&auml;tigkeit laufend eingehenden Bericht erstattet, ist in eine politische Abteilung und in eine Abteilung Kriminalpolizei aufgeteilt.&quot;<sup>16</sup></p>
<p>Laut Anlage 4 zum &bdquo;Stahlecker-Bericht&rdquo; umfasste die lettische Hilfspolizei im Oktober 1941 insgesamt 8.218 Beamte. Von den 415 Beamten der Politischen Polizei waren 217 in Riga, 33 in Daugavpils und 33 in Rezekne stationiert; von den 220 Kripo-Beamten 23 in Daugavpils; von den 1.947 Beamten der Kreispolizei 170 in Daugavpils, 160 in Rezekne, 11 in Ludza, 104 in Abrene.</p>
<p>Die Kreispolizei (hier: Rezekne) war in sicherheitspolizeilichen Angelegenheiten der KdS-Au&szlig;enstelle unterstellt, in anderen Polizeiangelegenheiten dem Gendamerie- bzw. SS- und Polizeigebietsf&uuml;hrer (hier: Daugavpils unter Tabbert bzw. Wimmer).</p>
<p>Der Polizeibezirk Rezekne umfa&szlig;te rund 17.000 Einwohner, unterstand seit 26. August 1941 dem Kreispolizeichef Eichelis und war in f&uuml;nf Reviere aufgeteilt:</p>
<p>Revier Rezekne-Stadt unter Kerzums,</p>
<p>Rezekne-Land unter Maikovskis mit Sitz in der Darza-Str. 12 a,</p>
<p>Vilani unter Jaunrubenis,</p>
<p>Malta unter Puntulis und</p>
<p>Revier Varaklani unter Strautkalns.</p>
<p>Die Polizeikr&auml;fte waren jeweils unterteilt in A-Gruppen (Verwaltungsangestellte der Reviere, Polizisten und Rayon-Aufseher), B-Gruppen (Bewachungsaufgaben, Antipartisaneneins&auml;tze) und C-Gruppen als Polizeireserve, die nur zu einzelnen Aktionen herangezogen wurde.</p>
<p>Laut Anklageschrift der Dortmunder Zentralstelle hatte der 1904 geborene M. nach seinem Abitur ab 1930 einen zweij&auml;hrigen Milit&auml;rdienst bei der lettischen Armee abgeleistet, die er als Leutnant verlie&szlig;. W&auml;hrend seiner Arbeit bei einer Stra&szlig;enbaubeh&ouml;rde in Riga schloss er sich der lettischen Selbstschutzorganisation &bdquo;Aizsargi&rdquo; an, &bdquo;einer nationalen Gruppe, die eine aktive Lettisierung durchf&uuml;hrte und stark gegen den Bolschewismus eingestellt war.<sup>&quot;17</sup> In ihr erreichte er den Rang eines Hauptmanns. Nach der sowjetischen Besetzung Lettlands wurden die Aizsargi verboten, zugleich verlor M. seine Stellung bei der Baubeh&ouml;rde. Nach der deutschen Besetzung fand M. wieder eine Anstellung bei der Baubeh&ouml;rde in Rezekne und trat als Hauptmann der sich wieder bildenden lettischen Selbstschutzorganisation bei, aus der sich dann die Hilfspolizei rekrutierte. Zu M.'s 2. Revier geh&ouml;rten die Amtsbezirke Berzgale, Driceni, Kaunata, Makaseni, Ozolaine, Rezna und die Ancupani-H&uuml;gel im Norden Rezeknes.</p>
<p><strong>&bdquo;Sommerexekutionen&rdquo;</strong></p>
<p>Zusammen mit der k&auml;mpfenden Truppe erreichte der Chef der Einsatzgruppe A, Stahlecker, schon am 1. Juli Riga, wo er sofort Kontakt mit dem lettischen Polizeimajor Viktors Arajs aufnahm und ihn mit der Aufstellung eines &bdquo;Sicherungskommandos der Hilfspolizei&rdquo; beauftragte. Binnen kurzem waren im ganzen Land &bdquo;die Gef&auml;ngnisse &uuml;berf&uuml;llt mit versprengten Rotarmisten, Tausenden von Mitl&auml;ufern und Sympathisanten der Sowjetmacht, in den W&auml;ldern aufgegriffenen Fl&uuml;chtlingen, die sich nicht ausweisen konnten (..) Zu Hunderten wurden in der ersten Hysterie an den verschiedensten Orten Menschen wegen ihrer angeblichen kommunistischen Vergangenheit erschossen; h&auml;ufig lediglich aufgrund einer nicht &uuml;berpr&uuml;ften Denunziation, ohne Verh&ouml;r (..). Der Privatrache war T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet.&quot;<sup>18</sup> Schon vom 4. Juli an st&uuml;tzte sich die Einsatzgruppe A bei den Kommunisten- und Judenexekutionen fast st&auml;ndig auf das &bdquo;Sonderkommando Arajs&rdquo;, dem bei &bdquo;Aktionen&rdquo; in ganz Lettland bis zum Herbst ungef&auml;hr 15.000 j&uuml;dische Menschen zum Opfer gefallen sein sollen.<sup>l9</sup></p>
<p>In Daugavpils ergriff die Wehrmacht von sich aus schon am 29. Juni die Initiative: &bdquo;Auf Anordnung der Ortskommandanten hatten sich alle j&uuml;dischen M&auml;nner von 14 bis 60 Jahren auf dem Marktplatz einzufinden, wo sie deutsche Offiziere verh&ouml;hnten, schikanierten, die kr&auml;ftigsten M&auml;nner und die Intelligenz ins Gef&auml;ngnis &uuml;berf&uuml;hrten wurden. Einen Teil der Inhaftierten lie&szlig; man danach (..) hinter dem Gef&auml;ngnis erschie&szlig;en.&quot;<sup>20</sup></p>
<p>Erst wenige Tage sp&auml;ter traf in Daugavpils das Sonderkommando 1 B ein, auf dessen Initiative Anfang Juli etwa 1.500 Juden ermordet wurden.</p>
<p>Der Wehrmachtspfarrer Walter S. kam am 6. Juli 1941 mit der Panzergruppe 4 nach Rezekne. Gerade waren die Leichen f&uuml;hrender Letten gefunden worden, die die sowjetische Geheimpolizei kurz zuvor ermordet hatte. Nach seinen Tagebuchnotizen mussten Juden die Leichen ausgraben, sie wurden dabei von Angeh&ouml;rigen der &bdquo;Organisation Todt&rdquo; angetrieben. &bdquo;Immer mehr, etwa 70 zusammengetrieben, manche unterwegs schon totgeschlagen, immer in Trupps zum Graben geschickt, immer wieder einzelne erschossen. Als s&auml;mtliche Opfer ausgegraben sind, Juden in das Loch im Schuppen getrieben und mit Revolvern zusammengeknallt. Mancher war in den Fluss gelaufen. Mit Karabinern und Revolvern geschossen. Nicht sofort tot. Warum nicht gleich die Kugel. Bemerkung von Offizier. Die haben andere genug gequ&auml;lt. Niemand hatte es in der Hand, auch nicht Feldgendamerie. Ein Haufen politischer Soldateska.&quot;<sup>21</sup> Als 13-j&auml;hriger erlebte Jakov Israelit aus Rezekne, wie direkt nach Einmarsch der deutschen Truppen per Plakataushang allen j&uuml;dischen M&auml;nnern von 18 bis 60 Jahren befohlen wurde, sich am n&auml;chsten Tag auf dem Marktplatz ein&shy;zufinden. &bdquo;Am 4. Juli war der Platz voll, alle wurden ins angrenzende Gef&auml;ngnis getrieben, darunter mein Vater. Am Tag darauf wurden im Hof der sowjetischen Geheimpolizei NKWD die Leichen von zehn vor Abzug der Roten Armee Erschossenen ausgegraben und zur Schau gestellt. Danach wurden 30 Juden aus dem Gef&auml;ngnis getrieben. Schwarzuniformierte erschlugen sie mit Kn&uuml;ppeln an Ort und Stelle. Sie wollten zeigen, wie man t&ouml;ten m&uuml;sse. Von da an wurden von lettischen Bewaffneten immer wieder Gruppen aus dem Gef&auml;ngnis gef&uuml;hrt &ndash; zur Arbeit, zum Erschie&szlig;en auf dem J&uuml;dischen Friedhof oder im Garten der Leschinski-M&uuml;hle.&rdquo; Jakov beobachtete, wie am 16. Juli sein Vater mit einem anderen Gefangenen einen Karren voller Leichen zum J&uuml;dischen Friedhof bringen musste und dort von dem begleitenden Polizisten P. erschossen wurde.<sup>22</sup> Laut Anklageschrift der Dortmunder Zentralstelle wurden im Raum Rezekne binnen mehrerer Wochen 1.700 &ndash; 1.800 Juden vom lettischen Selbstschutz &bdquo;liquidiert&quot;.<sup>23</sup></p>
<p><strong>Ghettos</strong></p>
<p>Die noch lebenden Juden waren &ndash; zum Teil auf vorauseilende Anordnung der Orts-Kommandanturen hin &ndash; inzwischen registriert, &ouml;ffentlich gekennzeichnet und mit verschiedenen Ge- und Verboten belegt worden. In den gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten entstanden bis Oktober Ghettos: In der &bdquo;Moskauer Vorstadt&rdquo; von Riga, wo vorher 10.000 Menschen gelebt hatten, wurden nun 30.000 Menschen zusammengepfercht. In ehemaligen Pferdest&auml;llen der alten Festung von Daugavpils entstand ein Ghetto, das offiziell zun&auml;chst &bdquo;Juden-KZ der Wehrmacht in D&uuml;naburg&rdquo; genannt wurde.<sup>24</sup> Im Oktober 1941 fiel die Entscheidung, die zweite Deportationswelle von Juden aus dem &bdquo;Gro&szlig;deutschen Reich&rdquo; (insgesamt 50.000 Menschen) nach Riga und Minsk zu lenken. Der neue HSSPF Ostland, Jeckeln, erhielt Anfang November von Himmler den Befehl zur Liquidierung des Rigaer Ghettos. Jeckeln, vor dem Krieg HSSPF West in D&uuml;sseldorf, Ende September 1941 Organisator des Massakers von Babi Yar bei Kiew, sorgte f&uuml;r die Umsetzung des Befehls: Am 30. November, B. und 9. Dezember wurden in einer minuti&ouml;s geplanten &bdquo;Aktion&rdquo; 27.500 Insassen des Ghettos erschossen &ndash; die meisten in gro&szlig;en Gruben bei der acht Kilometer entfernten Bahnstation Rumbula, Hunderte noch im Ghetto oder unterwegs. Deutsche und lettische Ord&shy;nungspolizei, darunter Teile des Reserve-Polizeibataillons 22 (Stettin), Mannschaften des Arajs-Kommandos, des 20. lettischen Schutzmannbataillons trieben die Kolonnen nach Rumbula und riegelten das Erschie&szlig;ungsgel&auml;nde ab. 4.500 M&auml;nner und 300 Frauen waren vorher als &bdquo;Arbeitsjuden&rdquo; aussortiert worden und &uuml;berlebten das Massaker. Nach Aussagen von Tatzeugen wimmelte es auf dem Erschie&szlig;ungsgel&auml;nde regelrecht von Uniformierten: Den zw&ouml;lf Sch&uuml;tzen sahen Hunderte zu, auch Wehrmachts- und Polizeioffiziere sowie Angeh&ouml;rige der Zivilverwaltung. Dr. Lange, F&uuml;hrer des verantwortlichen Einsatzkommandos 2, wurde als einziger hoher SS-Offizier des Ostens zur Wannsee-Konferenz am 20.1.1942 hinzugezogen.</p>
<p>Nachdem die Insassen des ersten in Riga eintreffenden Deportationszuges aus Berlin am Morgen des 30. November noch vor den lettischen Juden erschossen worden waren, nachdem die Gefangenen der vier n&auml;chsten Transporte in das direkt an der Daugava liegende m&ouml;rderische Auffanglager &bdquo;Jungfernhof&rdquo; gekommen waren, war nun &bdquo;Platz geschaffen&rdquo; f&uuml;r die weiteren aus dem Reich anrollenden Z&uuml;ge: Aus K&ouml;ln am 10. Dezember 1941, aus Kassel am 12., aus D&uuml;sseldorf am 14., aus M&uuml;nster/Bielefeld/ Osnabr&uuml;ck am 16. Dezember. Bis Anfang Februar 1942 trafen insgesamt zwanzig Deportationsz&uuml;ge in Riga ein, wo dann &uuml;ber 22 Monate das gr&ouml;&szlig;te &bdquo;Reichsjudenghetto&rdquo; des ganzen Ostens bestand.</p>
<p>Im Raum Riga nahm die systematische Ermordung der westf&auml;lischen Juden ihren Anfang !<sup>25</sup></p>
<p>&Uuml;ber die weitere Entwicklung in Daugavpils meldete am 11. November 1941 die KdS-Au&szlig;enstelle D&uuml;naburg:</p>
<p>&bdquo;<em>Am 9. November 1941 wurden in D&uuml;naburg 1.134 Juden exekutiert. Die verblei&shy;benden restlichen Juden sind zurzeit in verschiedenen Dienststellen in D&uuml;naburg besch&auml;ftigt. Ich bitte daf&uuml;r zu sorgen, da&szlig; in K&uuml;rze auch diese Juden zu Arbeitslei&shy;stungen nicht mehr ben&ouml;tigt werden. gez. Tabbert, SS-Obersturmf&uuml;hrer</em>&rdquo; Am 1. Mai 1942 erschoss ein Exekutionskommando aus Riga die letzten 950 Insassen des Ghettos von Daugavpils im Wald bei Pogulanka. Angeh&ouml;rige der KdS-Au&szlig;enstelle nahmen unter ihrem Leiter Tabbert Absperraufgaben war.<sup>26</sup></p>
<p>In Rezekne notierte die damals 14-j&auml;hrige Sch&uuml;lerin Anna Michailovskaja in ihrem als Sch&ouml;nschreibheft getarnten Tagebuch:</p>
<p>9. November 1941 : &bdquo;<em>Eben kam zu uns eine Nachbarin und erz&auml;hlte, dass heute wie-der in den Antschupani-Bergen Massenerschie&szlig;ungen ablaufen.(..) Die Zeitungen sind jetzt voll mit Drohungen und Schm&auml;hreden gegen Leute, die Juden und Kriegsgefangenen was zu essen geben. Jetzt sind schon wieder irgendwo in der Stadt Sch&uuml;sse zu h&ouml;ren. Wahrscheinlich ist schon wieder Menschenjagd. (..)</em></p>
<p><em>16. November Sonntag. Ja, oder geht es den Deutschen schlecht, oder sind im Blut die letzten Funken der Menschlichkeit erloschen. Gestern wurden die letzten Juden ermordet. Alle wurden versammelt, sogar Frauen und Kinder aus Ehen mit Christen. Auch Tanja und Vera Michailova haben kein Erbarmen gefunden. Sch&uuml;sse knatterten den ganzen Tag aus Richtung Antschupani. Heute morgen sollen 22 gefangene Politkommissare erschossen worden sein. Es herrscht ein Blutrausch. Die Polizei verhamstert jetzt die den Erschossenen abgenommene Kleidung.(..) was bedeutet ein Mensch? Ein Schuss aus dem Gewehr &mdash; (..) Die Kriegsgefangenen sterben wie die Fliegen im Herbst. (..)</em></p>
<p><em>29. November: (..) Man schie&szlig;t und schie&szlig;t Menschen. Rezekne ist buchst&auml;blich mit </em><em>Blutstr&ouml;men &uuml;bergossen. Die H&auml;user stehen, blo&szlig; die Menschen sind nicht mehr da. (..)</em></p>
<p><em>9. Dezember: Es wird immer grauenhafter zu leben. Man sagt, dass auch in Riga mit den Juden Schluss gemacht wird. (..)</em></p>
<p><em>16. Dezember: Schon wieder Erschie&szlig;ungen. Das Gef&auml;ngnis wird `ausger&auml;umt'. Seit 12 Uhr werden Menschen mit gebundenen H&auml;nden wie Ferkel vor dem Schlachten einer auf den anderen in Lastautos geworfen und nach Antschupani transportiert. Die Polizei ist total besoffen. (..)</em></p>
<p><em>24. Dezember: Heute werden zum Erschie&szlig;en Bauern, Frauen und Kinder aus dem Dorf Audrini hereingebracht, bei denen man im Keller Rotarmisten gefunden hat.</em></p>
<p><em>(&hellip;)&laquo;</em><sup>27</sup></p>
<p>Der F&uuml;hrer des Einsatzkommando 2 in einem undatierten, Anfang 1942 verfassten Geheimbericht: &bdquo;Das Ziel, das dem Einsatzkommando 2 von Anfang an vorschwebte, war eine radikale L&ouml;sung des Judenproblems durch die Exekution aller Juden. Zu diesem Zweck wurden im ganzen Einsatzgebiet durch Sonderkommandos unter Mithilfe ausgesuchter Kr&auml;fte der lettischen Hilfspolizei (meist Angeh&ouml;rige verschleppter oder ermordeter Letten) umfangreiche S&auml;uberungsaktionen durchgef&uuml;hrt. Etwa Anfang Oktober betrug die Zahl der exekutierten Juden im Einsatzgebiet des Kommandos etwa 30.000. Dazu kommen noch einige tausend Juden, die von den Selbstschutzformationen aus eigenem Antrieb beseitigt worden sind, nachdem ihnen entsprechende Anregungen gegeben worden sind.(..) Anfang November gab es im Rigaer Ghetto nur noch etwa 30.000, in Libau etwa 4.300 und in D&uuml;naburg etwa 7.000 Juden. Von diesem Zeitpunkt an wurden etwa 4.500 Juden im Zuge der Bearbeitung von Strafsachen wegen Nichttragens des Judensterns, Schleichhandels, Diebstahls, Betruges usw. exekutiert. Dar&uuml;ber hinaus wurden die Ghettos von nicht voll arbeitsf&auml;higen und nicht mehr ben&ouml;tigten Juden im Zuge gr&ouml;&szlig;erer Aktionen ges&auml;ubert. So wurden am 9. November 1941 in D&uuml;naburg 11.034*, Anfang Dezember 1941 durch eine vom HSSPF angeordnete und geleitete Gro&szlig;aktion in Riga 27.800 und Mitte Dezember 1941 auf Wunsch des Reichskommissars in Libau 2.350 Juden exekutiert.&quot;(..) Insgesamt sind bisher 19.000 Juden aus dem Reich und dem Protektorat nach Riga abgeschoben worden. (..) Von diesen reichsdeutschen Juden ist nur ein geringer Teil arbeitsf&auml;hig. Zu etwa 70-80% handelt es sich um Frauen und Kinder sowie alte arbeitsunf&auml;hige M&auml;nner. Die Sterblichkeitsziffer steigt bei den evakuierten Juden st&auml;ndig. (..) Um jeder Seuchengefahr im Ghetto und in den beiden Lagern von vorneherein zu begegnen, wurden in Einzelf&auml;llen ansteckend erkrankte Juden (&hellip;) ausgesondert und exekutiert. Um ein Bekanntwerden dieser Ma&szlig;nahmen bei den hiesigen Juden und bei den Juden im Reich zu vermeiden, wurde der Abtransport als Verbringung in ein j&uuml;disches Alters- und Krankenheim getarnt.&quot;<sup>28</sup></p>
<p>Bis zum 31. Januar 1942 meldete die Einsatzgruppe A die &bdquo;durchgef&uuml;hrten Exekutionen&rdquo; von 229.048 Juden, 8.359 Kommunisten, 1.044 Partisanen und 1.644 Geisteskranken. Weitere rund 100.000 Juden wurden im Gebiet der Einsatzgruppe A durch &bdquo;Aktionen&rdquo; der HSSPF, der Einsatzgruppe B, durch Einheiten der Wehrmacht und ihr unterstellten SS-Verb&auml;nden ermordet.<sup>29</sup></p>
<p>1) Arie Goral: Dokumentation Vernichtung Ghetto Riga und Aufstand im Warschauer Ghetto, Hamburg o.J, S. 19</p>
<p>2) Angela Nachtwei-Hanak, Winfried Nachtwei, Annegret Neuhoff: Protokollb&uuml;cher der Proze&szlig;beobachterInnen, Band I-VII, M&uuml;nster 1990-1994</p>
<p>3) Leiter des Instituts f&uuml;r Antisemitismus, der 1942 im Jahrbuch von Zemgale seine &bdquo;gro&szlig;e Freude &uuml;ber die L&ouml;sung der Judenfrage&rdquo; &auml;u&szlig;erte. Bernhard Press: Judenmord in Lettland, Berlin 1992, S.44</p>
<p>4) Winfried Nachtwei: Tatorte &mdash; Opferspuren, ein Reisebericht, in: Stadtblatt M&uuml;nster 8/1990 (Ausz&uuml;ge)</p>
<p>5) Derselbe im Stadtblatt M&uuml;nster 4/1994</p>
<p>6) Derselbe im Stadtblatt M&uuml;nster 4/1994</p>
<p>7) Nach den Aufzeichnungen von Generaloberst Halder, zit. bei Gerd R. &Uuml;bersch&auml;r/Wolfram Wette (Hrsg.): Der deutsche &Uuml;berfall auf die Sowjetunion, Frankfurt/M., S. 248 f</p>
<p>8) Ebenda S. 251</p>
<p>9) Ebenda S. 252</p>
<p>10) Ebenda S. 24</p>
<p>11) Ebenda S. 250</p>
<p>12) Stellenbesetzung der Einsatzgruppe und des Einsatzkommando 2 abgedruckt bei Hans-Heinrich Wilhelm: Die Einsatzgruppe A der Sicherheitspolizei und des SD 1941/42, in Helmut Krausnick/H.-H. Wilhelm: Die Truppe des Weltanschauungskrieges, Stuttgart 1981, S. 290 ff.</p>
<p>13) Gutachten Prof. Dr. Wolfgang Scheftler, M&uuml;nster 19.2.1990</p>
<p>14) Wilhelm, a.a.O., S. 287</p>
<p>15) Derselbe S. 490</p>
<p>16) N&uuml;rnberger Dokumente L-180</p>
<p>17) Der Leiter der Zentralstelle im Lande NRW f&uuml;r die Bearbeitung nationalsozialistischer Massenverbrechen bei der Staatsanwaltschaft Dortmund: Anklageschrift gegen B. M., 45 Js 83/88 vom 2.8.1989, S. 34</p>
<p>18) Wilhelm, a.a.O., S. 490</p>
<p>19) Ezergailis, nach Margers Vestermanis: Der lettische Anteil an der &bdquo;Endl&ouml;sung&rdquo;, in: Die Schatten der Vergangenheit, hg. von Uwe Backes u.a., Frankfurt/M. 1990, S. 43</p>
<p>20) Vestermanis, a.a.O., S. 430</p>
<p>21) Lothar Steinbach: Ein Volk, ein Reich, ein Glaube? Berlin 1983, S. 219</p>
<p>22) Jakov Israelit am 25.6.1990 gegen&uuml;ber dem Autor in Riga</p>
<p>23) Zentralstelle, a.a.O., S. 68</p>
<p>24) Vestermanis, a.a.O., S. 431</p>
<p>25) Vgl. Winfried Nachtwei: Nachbarn von nebenan &mdash; verschollen in Riga, in: U. Bardelmeier/A. Schulte Hemming (Hg.): Mythos M&uuml;nster, M&uuml;nster 1993</p>
<p>26) Landgericht Dortmund: Urteil gegen G. Tabbert vom 19.6.1969, 45 Ks 1/68</p>
<p>27) Museum &bdquo;Pulverturm&rdquo; Riga, Inv. Nr. 760-VII. Aus dem Russischen ins Deutsche &uuml;bersetzt von M. Vestermanis, 1990</p>
<p>28) Historisches Archiv Lettlands, Riga, P-1026, 1/3, Blatt 262 ff,; *Schreibfehler: in Wirklichkeit 1.134</p>
<p>29) Wilhelm, a.a.O., S. 607 ff.</p></div>


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