winnikl.jpg (2306 Byte)Winfried Nachtwei, MdB
Bündnis 90/Die Grünen

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Wer den Frieden will, bereite den Frieden vor.

Beiträge zur Stärkung der zivilen Säulen internationaler Friedensmissionen

Dokumentation der Fachtagung Bündnis 90/Die Grünen vom 12.10.2001 in Berlin

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  1. Zusammenfassung der Tagung:

    Martina Fischer,
    Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung (Berlin):

    Die verschiedenen Beiträge dieser Fachtagung haben gezeigt, dass in den vergangenen Jahren von staatlichen Akteuren im Bereich des Peace Building und der Unterstützung von Rechtsstaatlichkeit eine Menge von Initiativen auf den Weg gebracht wurden. Gleichzeitig sind zwei Probleme deutlich geworden:

    • Diese Initiativen ziviler Außenpolitik haben ein Darstellungsproblem. Sie sind im Vergleich zur militärischen Dimension in den Medien unterbelichtet und werden in der Öffentlichkeit bislang noch kaum war genommen. Um dies zu ändern ist noch ein gutes Stück an Öffentlichkeits- und Medienarbeit seitens der Akteure erforderlich.
    • Die Initiativen verlaufen teilweise noch unkoordiniert; es ist noch nicht klar, inwieweit sich die Anstrengungen der VN, der EU und OSZE ergänzen oder inwieweit sie zueinander in Konkurrenz treten.

    Bei der Bestimmung von Erfolgen und Defiziten kristallisierten sich folgende Problemkomplexe heraus:

    1. Zum ersten stellt sich die Frage nach der Kontinuität mit dem Ziel der Professionalisierung der jeweiligen Arbeit der jeweiligen Akteure. Allen mangelt es bislang an einem "institutionellen Gedächtnis". Es gibt zu wenig Kapazitäten für die Sammlung, Systematisierung und Weitergabe von Erfahrungswissen, das von Missionsteilnehmern in Einsätzen in Krisengebieten erworben wird. Oft verläuft die Weitergabe dieses Wissens innerhalb der jeweiligen Mission nur schleppend oder spärlich, aber auch in der durchführenden Organisation wird dieses Wissen noch nicht ausreichend weitervermittelt. Diesen Prozess gilt es systematischer zu organisieren.
    2. Zum zweiten besteht ein Bedarf, Erfahrungen selbstkritisch auszuwerten und in Lessons Learned-Prozesse einzubinden. Dies müsste zum einen innerhalb der durchführenden Organisationen vonstatten gehen, aber zum anderen auch in einem produktiven Austausch zwischen den unterschiedlichen Akteuren organisiert werden. Zwar verfügen Organisationen wie die VN auf unterschiedlichen Ebenen über Lessons Learned Units, aber es findet noch zu wenig Austausch zwischen den unterschiedlichen in Krisengebieten operierenden Akteuren statt. Dieser erfolgt bislang eher sporadisch und zufällig auf Tagungen und Konferenzen, aber nicht in institutionalisierter Form. Eine selbstkritische Auswertung setzt voraus a) die Überprüfung der Zielbestimmung, b) die Überprüfung der eingesetzten Mittel und c) die Bestimmung von Kriterien für Erfolg bzw. Misserfolg.
    3. Die grundsätzliche Frage, die sich stellt ist: Lassen sich Lessons Learned Prozesse so organisieren, dass auch Erfahrungen des Scheiterns offen diskutiert werden können, um daraus Best Practices ableiten zu können? Da bedarf es sicherlich verschiedener Abstufungen des Grades an Öffentlichkeit, den man zulässt. Die Abstimmung zwischen verschiedenen Länderdelegationen könnte sich hier als Hindernis erweisen, mit dem man umgehen muss. Die zentrale Herausforderung für jeglichen Akteur, der in Krisenregionen tätig wird, liegt darin, seine Form der Einmischung so zu gestalten, dass sie den erklärten Zielsetzungen gerecht wird und nicht ungewollte gegenläufige Effekte zeitigt. Dabei können auch Dilemmata zutage treten, die nicht einfach aufzulösen, aber dennoch offen zu diskutieren sind:

    Ein Thema, das meiner Ansicht nach in der heutigen Diskussion nicht angesprochen wurde, sich aber von zentraler Bedeutung erweist, ist die Einsicht, dass internationale Missionen staatlicher Akteure wie auch die Einmischung von Nichtregierungsorganisationen oft zur Stabilisierung und Friedensförderung erforderlich sind, aber gleichzeitig zur Verbreitung von Abhängigkeitssyndromen beitragen können. Die zeigte zum Beispiel die Erfahrung in Bosnien-Herzegowina in den vergangenen Jahren, dass die Präsenz internationaler Organisationen davon begleitet ist, dass weite Teile der Bevölkerung in Lethargie verfielen und viele Menschen auch auf lange Sicht von der sogenannten "internationalen Gemeinschaft" erwarten, dass diese ihre gesellschaftlichen und politischen Probleme löst. Diese Beobachtung wird ausführlich und kritisch vom Hohen Repräsentanten Wolfgang Petritsch in seinem 2001 erschienen Buch "Bosnien und Herzegowina. Fünf Jahre nach Dayton – Hat der Frieden eine Chance" beleuchtet. Das könnte bedeuten, dass internationale Missionen sich stärker als bisher darum bemühen müssen, Initiativen zum Empowerment und zur Ermutigung zur Eigeninitiative zu etablieren. Vielleicht wäre zu überlegen, ob teilweise weniger Präsenz von externem Personal als vielmehr die Unterstützung lokaler Ansätze Priorität erhalten sollte.

    In der Diskussion zwar angesprochen, aber letztlich etwas zu kurz gekommen, ist der Hinweis auf den politischen Kontext von Friedensmissionen. Ob und inwieweit Missionen zur Unterstützung von Rechtsstaatlichkeit oder der Friedensförderung erfolgreich sein können, entscheidet sich schließlich nicht nur an der Frage, ob ausreichend Personal dafür vorhanden ist oder ob es adäquate Vorbereitungsmaßnahmen gibt, sondern auch aufgrund von sozioökonomischen und politischen Rahmenbedingungen. Peter Lock hat auf die ökonomischen Aspekte wie Bürgerkriegsökonomien hingewiesen, die terroristische oder mafiöse Strukturen hervorbringen oder begünstigen können, die noch so professionelle Friedensmissionen sehr erschweren können, weil die es mit Akteuren zu tun haben, die vom Fortgang bewaffneter Konflikte unmittelbar profitieren und daher Friedensprozesse aktiv behindern oder unterlaufen können. Vielerorts zeigt sich, dass neben multilateralen Friedensmissionen mit dem Ziel des Monitoring oder des Aufbaus demokratischer und rechtsstaatlicher Institutionen ein breites Spektrum entwicklungspolitischer Ansätze zum Einsatz kommen muss; für effektive Krisenprävention wie auch in Nachkriegssituationen bedarf es vor allem der Initiativen zur wirtschaftlichen Konsolidierung und zur gesellschaftlichen Integration bewaffneter Kämpfer.

    Unterlaufen werden können Friedensmissionen aber auch durch unkoordinierte Politikschritte externer Mächte, die sich in einer Krisenregion mit divergierenden Interessen oder Strategien engagieren. Die beste und noch so sorgfältig konzipierte multilaterale Friedensmission kann von widersprüchlichen Vorgehensweisen von Einzelstaaten durchkreuzt werden. Das klang in der Diskussion an in Form des Hinweises auf sogenannte Interlocking Institutions die zu Interblocking Institutions mutieren. Solche Phänomene konnte man in den vergangenen Jahren immer wieder in den Kriegs- und Nachkriegssituationen auf dem Balkan beobachten. Da stellte sich heraus, dass es zum einen machtpolitische oder geostrategische Interessen gab, die das Interesse an Einhegung von Gewaltpotenzialen untergruben. Auch war erkennbar, dass von einigen Akteuren Krisenbewältigung nach sehr traditionellen Mustern vollzogen wurde, nämlich mit Hilfe der Ausrüstung und Unterstützung befreundeter oder als loyal erachteter Milizen, die bei militärischen Interventionen gegen unliebsame Machthaber oder zur Gebietsbereinigung in Stellung gebracht wurden. Diese Tendenz ist auch im Zuge der derzeit in Afghanistan zu beobachtenden Intervention erkennbar. Ein solches Vorgehen aber trägt dazu bei, Bürgerkriegsökonomien (mit ihren Begleiterscheinungen Drogen-, Waffen- und Menschenhandel) zu verstetigen und bewaffnete Gruppen zu legitimieren, die anschließend auf ihre Machtansprüche nicht verzichten möchten, die von der internationalen Gemeinschaft weitere Unterstützung zur Durchsetzung ihrer speziellen politischen Zielvorstellungen erwarten und Prozesse torpedieren, die dem zuwiderlaufen. So werden Gewaltkulturen verfestigt, die anschließend mit noch so professionellen UN- oder OSZE-Missionen kaum mehr zu bewältigen sind.

    Die Schlussfolgerung, die daraus zu ziehen ist, ist meiner Ansicht nach, dass multilaterale Organisationen, konkret die Vereinten Nationen und ihre Unterorganisationen von vornherein bei der Krisenbewältigung zu beteiligen sind und nicht erst bei den Aufräumarbeiten zum Einsatz kommen. Ludger Volmer ist auf jeden Fall zuzustimmen, wenn er fordert, dass wir eine Renaissance der Vereinten Nationen brauchen. Wir brauchen die VN nicht als nachträgliche Legitimierungsinstanz für einseitig entschiedene Schritte der Krisenintervention, sondern als Entscheidungsinstanz über die zu wählenden Mittel und als Durchführungsinstanz bei dem Einsatz dieser Mittel. Das gilt auch und erst recht angesichts der aktuellen Weltlage, wenn es um die Verfolgung, Festsetzung und Verurteilung von Rechtsbrechern in Form international agierender terroristischer Netzwerke geht. Nur so kann die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewährleistet und sichergestellt werden, dass die Krisen und Konflikte, aus denen kriegerische oder auch terroristische Gewalt entspringt, ursächlich bearbeitet werden können. Und nur so werden die auf dieser Tagung dargestellten und von unterschiedlichen Akteuren konzipierten internationalen Friedensmissionen ihre volle Wirkung entfalten können.