winnikl.jpg (2306 Byte)Winfried Nachtwei, MdB
Bündnis 90/Die Grünen

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Wer den Frieden will, bereite den Frieden vor.

Beiträge zur Stärkung der zivilen Säulen internationaler Friedensmissionen

Dokumentation der Fachtagung Bündnis 90/Die Grünen vom 12.10.2001 in Berlin

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  1. Lessons Learned?
    Internationale Beiträge zur Verbesserung der zivilen Missionsfähigkeiten

    Michael Matthiessen,
    Policy Unit, Generalsekretariat des Rates der EU, Brüssel:

    Die EU als Organisation betrachtet ist sehr komplex. Sie beinhaltet eine Menge Institutionen: den Rat, die Europäische Kommission und das Europäische Parlament, um nur die wichtigsten zu nennen. Ich bin heute bei dieser Tagung, neben dem Kollegen der Polizeieinheit, der später noch sprechen wird, der einzige Vertreter der EU. Zu meiner Tätigkeit: Ich arbeite im Sekretariat von Javier Solana, dem Hohen Beauftragten der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, im Rat der EU in Brüssel. D.h., dass ich hier natürlich nicht im Namen der Komission und Chris Patten sprechen kann. Da aber die Kommision im Bereich der Konfliktprävention und der Krisenprävention sehr aktiv ist, möchte ich in meinem Beitrag auch auf Aktivitäten der Kommission eingehen. Des weiteren lassen Sie mich bemerken, dass die EU mit der Bearbeitung des Themas Krisenmanagement quasi Neuland betritt. Wir fühlen uns, gerade neben Organisationen wie der UN und der OSZE, die auf diesem Gebiet auf eine lange Tradition und langjährige Erfahrungen zurückblicken können, ein wenig wie "the new kids on the block".

    Nun setzt sich also auch die EU mit diesem komplizierten Themengebiet auseinander. Und wenn Sie mich nun fragen: "Was kann die EU in diesem Bereich konkret tun?" Dann muss ich Ihnen antworten: "Noch nicht so viel, wie wir gerne tun möchten!" Aber wir stehen am Anfang einer positiven Entwicklung, die nun mit großen Schritten vorangetrieben wird.

    Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP)

    Eine der bedeutenden Voraussetzungen für das Fortkommen auf dem Sektor des Krisenmanagements und der Konfliktbearbeitung war sicherlich die Ausarbeitung des ESVP-Programms (Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik) auf dem Französisch-Britischen Gipfel in Saint Malo im November 1998. Dieses Programm wurde für EU-Verhältnisse sehr schnell, bereits auf dem EU-Rats-Gipfel in Köln im Juni 1999 aufgegriffen und weiter bearbeitet. Und schon auf dem Helsinki-Gipfel im Dezember 1999 wurden viele der fundamentalen Vorschläge und Texte angenommen. Allerdings stand zunächst das Interesse an der militärischen Seite des ESVP-Programms im Mittelpunkt: Die EU-Staatsoberhäupter steckten sich in Helsinki das Ziel, dass bis 2003 die Mitgliedsstaaten fähig sein sollten, 50.000 bis 60.000 Soldaten für ein Jahr in Krisengebiete zu entsenden. Diese Truppen sollten möglichst schnell verfügbar sein. Soviel zum militärischen Teil des ESVP-Programms.

    Aber, was viele Leute offenbar nicht wahrgenommen haben, in Helsinki wurde auch eine Reihe von Zielen für die zivilen Komponenten der Konfliktbearbeitung beschlossen. Und nicht zuletzt der finnischen Präsidentschaft sowie den deutschen Vertretern ist es zu verdanken, dass unter den Zielen dieses Aktionsplans einige ganz bedeutende Elemente, wie z.B. die Schaffung von Fähigkeiten für ziviles Krisenmanagement enthalten sind. Aber was hat man konkret darunter zu verstehen? Ein erster Schritt war herauszufinden, welche und wie viele zivile Kriseneinsatzkräfte in den 15 Mitgliedsstaaten insgesamt zur Verfügung stehen. Das Potenzial zur zivilen Konfliktbearbeitung sollte insgesamt ausgeweitet werden. Hierbei wurde den Möglichkeiten der Polizeikräfte ganz besondere Bedeutung beigemessen. Ein wichtiger Grund für die EU sich für ein ESVP-Programm und die Ausweitung des zivilen Krisenmanagements zu entscheiden war, dass man dieses Feld nicht allein anderen Ländern oder Organisationen überlassen wollte.

    Was hat sich seit dem Gipfel in Helsinki nun alles getan?>/p>

    Im Juni 2000 fand ein weiterer bedeutender EU-Gipfel im portugiesischen Feira statt. Auf diesem Gipfel wurde eine Zielvorgabe für die Bereitstellung von Polizeikräften für Friedensmissionen verfasst: Bis 2003 sollen die EU-Mitgliedsstaaten in der Lage sein, 5.000 Polizeikräfte für zivile Friedensmissionen zu entsenden, von denen 1.000 innerhalb von 30 Tagen am Einsatzort verfügbar sein sollen. Die EU hat sich also die gleichen ehrgeizigen Ziele, die sie sich terminlich auf militärischen Gebiet gesetzt hat, auch auf dem zivilen Feld gesetzt. Der in Feira beschlossene Datenabgleich der verfügbaren Polizeikräfte hat ergeben, dass die Mitgliedsstaaten zur Zeit in der Lage sind etwa 3.500 Polizeikräfte in den internationalen Einsatz zu schicken. Wir werden sehen, ob es der EU gelingen wird, diese Lücke von 1.500 Polizisten bis zum Jahr 2003 zu schließen.

    Aber der EU-Gipfel in Feira hat nicht nur Beschlüsse gefasst, die den Polizeisektor betreffen. Eine weitere Priorität wurde auf den Justizsektor gesetzt. Die Erfahrungen auf dem Balkan und in Ost-Timor haben gezeigt, dass es wenig sinnvoll ist ausreichend Polizeikräfte vor Ort zu haben, die Gesetzesverstöße feststellen und Täter festnehmen können, auf der anderen Seite aber ein Mangel an Richtern, Staatsanwälten und Rechtsanwälten herrscht, die die Gesetze auch wirksam durchsetzen können.

    Dies ist eine Lücke, die in Krisengebieten zeitweilig von Militär ausgefüllt wurde. Eine Aufgabe, für die das Militär nicht ausgebildet ist und die sie meiner Meinung nach auch nicht übernehmen sollte. Was wir also brauchen, sind vor allem mehr Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte sowie Haftanstalten und Justizvollzugspersonal.

    In den Zielsetzungen der EU wurde auch der Bedarf an lokaler Verwaltung, an Zivilverwaltung sowie an Zivilschutz-Fähigkeiten nicht außer Acht gelassen. Alle EU-Mitgliedsstaaten verfügen über ausreichend Fähigkeiten des zivilen Schutzes (Feuerwehr, Rotes-Kreuz, Technisches Hilfswerk), aber wie können diese Fähigkeiten auch in Krisengebieten aufrecht erhalten bzw. gewährleistet werden?

    Weiterhin wurde im Juni 2000 beschlossen, dass ein Komitee für ziviles Krisenmanagement eingerichtet werden soll. Bereits zuvor hatte man sich darauf verständigt, dass ein politisches und sicherheitspolitisches Komitee, bestehend aus in Brüssel ansässigen Botschaftern, ebenfalls als ein weiterer Teil des ESVP-Programms eingerichtet werden soll. Dieses Komitee trifft sich nun zweimal wöchentlich. In diesem werden Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik sowie Inhalte des ESVP-Programms diskutiert. Zusätzlich gibt es noch einen Militärausschuss. Und nun wurde außerdem die Schaffung eines zivilen Krisenausschusses angeregt, der Empfehlungen und Ratschläge an die betreffenden Botschafter geben kann. Diese Ausschüsse haben bereits einige weiterführende Vorschläge und Ideen einbringen können.

    Lassen Sie mich nun auf die Ergebnisse der schwedischen Präsidentschaft zu sprechen kommen, welche der derzeitigen, der belgischen, vorangegangen ist: Auf dem EU-Gipfel in Göteborg verpflichten sich die Staats- und Regierungschefs zu Zielsetzungen auf den Gebieten der Justiz, des Zivilschutzes sowie der Zivilverwaltung. Nach den Teilgebieten Militär und Polizei wurden also nun auch auf zivilem Gebiet konkrete Ziele abgesteckt: 200 Experten auf dem Gebiet der Justiz und Kriminalitätsbekämpfung sollen es bis zum Jahr 2003 sein. Im gleichen Zeitraum will man ebenfalls in der Lage sein, Teams mit bis zu 2.000 Zivilschutz-Experten innerhalb kurzer Zeit zur Verfügung stellen zu können. Doch damit noch nicht genug: Auch ein Pool mit in Krisengebieten einsetzbaren Verwaltungsexperten soll zusammengestellt werden. Darüber hinaus sollen für all die genannten Teilbereiche standardisierte Trainingsprogramme entwickelt werden.

    Natürlich lässt sich darüber streiten, ob man statt quantitativer Ziele nicht lieber qualitative Ziele setzen sollte, aber ich glaube die EU hat in der Vergangenheit eine wichtige Erfahrung gemacht: Mit dem Abstecken konkreter Ziele erhöht man effektiv den Druck und die Erwartungshaltung auf die einzelnen Mitgliedsstaaten.

    Zu erwähnen bliebe noch, dass während der schwedischen Präsidentschaft der Hohe Beauftragte der EU für die Außen- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, den Beschluss zur Einrichtung einer Polizei-Arbeitsgruppe im Generalsekretariat des Rates der EU gefasst hat. Diese spezielle Arbeitsgruppe hat im Juli diesen Jahres ihre Arbeit aufgenommen. Einer der insgesamt sieben zu dieser Polizeieinheit gehörenden Experten ist Alex Schubert, der ebenfalls heute Gast dieser Tagung ist und später noch ausführlich über die Details seiner Arbeit berichten wird.

    Welche Vorteile ergeben sich nun aus den oben genannten Entwicklungen? Ein Vorteil ist, dass beispielsweise die gerade erwähnte Polizei-Einheit im selben Gebäude in Brüssel arbeitet wie die Diplomaten der Strategieplanungs- und Frühwarneinheit (Policy Unit) und die Angehörigen des Militärstabes der EU, die gemeinsam ein Lagezentrum aufgebaut habe. Sie alle werden unter besten Voraussetzungen gemeinsam mit den politisch/militärischen Direktoraten zusammenarbeiten können. Diese Direktorate werden ab nächsten Montag an von Herrn Peter Feith geleitet werden, der momentan noch als Direktor für Krisenmanagement bei der NATO tätig ist. Sie alle arbeiten in der Nähe von Javier Solana; auch Chris Patten ist lediglich einen Steinwurf entfernt. Ich glaube, das ist eine der wesentlichen "Lessons Learned" der EU aus verschiedenen Erfahrungen der Vergangenheit: sit together – work together!

    Und gerade diese Möglichkeit der engen Kooperation von Polizei, Militär und Zivilem ist einer der großen Vorteile der EU, die wir bemüht sind in Zukunft noch weiter auszubauen. Es gibt hier, glaube ich, nichts Vergleichbares in anderen Organisationen.

    Die Rolle der EU-Kommission

    Ich habe bereits zu Beginn angemerkt, dass ich kein Mitarbeiter Chris Pattens bin, aber ich denke, wenn ich schon einmal extra aus Brüssel angereist bin, sollte ich Ihnen auch etwas über die Arbeit der Europäischen Kommission auf diesem Feld berichten. Die Rolle der Europäischen Kommission ist hier ganz besonders zu unterstreichen. Sie ist eine sehr wichtige Institution innerhalb der EU. Sie hat nicht nur ein sehr hohes Budget zur Verfügung, sondern auch bereits jahrelange Erfahrung in den Bereichen Konfliktprävention und Krisenmanagement. Unter Chris Patten wurde nun zudem eine spezielle Konfliktpräventions- und Krisenkoordinationseinheit eingerichtet, was als eine Art Pendant zum oben erwähnten Lagezentrum des Generalsekretariat des Rates angesehen werden kann. Die Europäische Kommission hat außerdem eine Art "schnellen Reaktions-Mechanismus" eingerichtet. In Wahrheit ist es mehr ein "schneller Reaktions- Fonds", der es erlaubt schnell und gezielt Gelder für dringende Projekte zur Verfügung zu stellen. Auch diese Einrichtung ist eine "Lessons Learned"-Erfahrung aus der Balkan Krise. Es hat sich gezeigt, dass die EU zwar eine Menge Geld zur Verfügung hat wenn es darauf ankommt, aber es erreicht die Menschen, die auf die Hilfe durch dieses Geld angewiesen sind nie schnell genug. Als Konsequenz daraus war eine der ersten Amtshandlungen Chris Pattens, einen Weg zu finden, diese Verfahren zu beschleunigen, damit das Geld, das der Kommission zur Verfügung steht, auch schnell und dadurch wirksam zum Krisenmanagement und zur Konfliktprävention verwendet werden kann.

    In diesem Zusammenhang finde ich es sehr wichtig noch einmal zu betonen, dass die EU auf diesen Gebieten auf keinen Fall in Konkurrenz zu den etablierten Organisationen wie UN oder OSZE treten will; wir sind nicht angetreten, das Rad neu zu erfinden. Eher folgt die EU den Empfehlungen des Brahimi-Reports, der genau dies gefordert hat: die Errichtung von gut ausgebildeten, schnell einsetzbaren Experten-Pools zum Zwecke des Krisenmanagements. Außerdem möchte ich noch einmal erwähnen, dass die Einsatzkräfte von denen in den Beschlüssen des Europäischen Rates die Rede ist, nicht allein für EU-geführte Einsätze zur Verfügung stehen, sondern ebenso für Einsätze der UN oder der OSZE. D.h. das zur Verfügung stehende Personal wird drei verschiedene Einsatzmöglichkeiten haben, keinesfalls aber werden diese drei Alternativen miteinander konkurrieren.

    Insgesamt wird es innerhalb der 15 EU-Mitgliedsstaaten mehr Einsatzpersonal und mehr Fähigkeiten zum Krisenmanagement geben – eine Entwicklung, von der die gesamte Internationale Gemeinschaft nur profitieren kann.