Deutsche
Beiträge zur Stärkung ziviler Missionsfähikgkeiten:
Aktivitäten und Erfahrungsberichte
Dr. Katharina Ochse,
UNMIK Department of Education and Science, Pristina:
Seit Juni 2000 arbeite ich unter Michael Daxner, dem langjährigen Präsidenten der
Universität Oldenburg, für die Vereinten Nationen im Department of Education and Science
in Pristina. Das Bildungs- und Erziehungswesen hat bei der Entstehung des
Kosovo-Konfliktes eine zentrale Rolle gespielt und tut dies nun auch bei der Bewältigung
seiner Konsequenzen. Nach der weitgehenden Aufhebung der Autonomie haben die
Kosovo-Albaner ein von den Serben getrenntes Bildungssystem aufgebaut. Für den
Schulunterricht, der zumeist in Privathäusern unter sehr erbärmlichen Bedingungen
stattfand, wurden eigene Curricula in albanischer Sprache entwickelt, Lehrer wurden aus
"Steuereinnahmen" bezahlt, die von im Ausland arbeitenden Kosovo Albanern
geleistet wurden. Auch das Hochschulwesen war geteilt. Die Entwicklung dieses
hochpolitisierten - parallelen Bildungssystems indiziert die Quasi-Staatlichkeit des
Kosovo (M. Daxner) vor der NATO-Intervention . Heute befinden sich im Kosovo 850 Schulen,
400.000 Schüler, 27.000 Lehrer/Lehrende, von denen rund 30% keine formale Qualifikation
haben. An der gegenwärtigen Universität Pristina, die Serben aus Sicherheitsgründen
nicht besuchen können (und weil der Unterricht nur in albanischer Sprache angeboten
wird), sind 18.000 Studierende eingeschrieben und 1.700 Bedienstete beschäftigt. Heute
müssen Serben unter zum Teil prekären Bedingungen unterrichtet werden. Die große
Mehrheit der serbischen Lehrer hat zwar Verträge mit UNMIK in der Tasche, lässt sich
indes zugleich aus Belgrad bezahlen. Eine Hochschule für slawisch-sprechende Studierende
befindet sich im Aufbau. Von einem integrierten multiethnischen Bildungswesen können wir
im Moment nur träumen.
Das Department of Education and Science, das seit September 1999 besteht, hat sich
formal im März 2000 konstituiert und verfügt über ein Budget von 120 Mio. DM. Das sind
30% des Kosovo-Consolidated Budgets. An ihm sind sowohl internationale (18) als auch (19)
nationale Mitarbeiter tätig. Zu den zentralen Aufgaben, die das Department zu leisten
hat, um zum Gelingen dieser Friedensmission beizutragen, gehört der grundlegenden
Neuaufbau des Bildungswesens. Das bedeutet: Integration von allen Kosovaren in das
europäische Bildungswesen und Integration auf regionaler Ebene. Eine langfristige
Friedenslösung im Kosovo kann nur auf regionaler Ebene geleistet werden . Das zeigt der
Konflikt in Mazedonien wieder sehr deutlich. Darüber hinaus leistet das Department of
Education einen Beitrag zur Ausbildung einer selbstkritischen politischen Elite, ohne die
das Kosovo sicherlich keine friedliche Zukunft haben wird. Bei der Realisierung dieser
Aufgabe sind uns Lead-Agencies behilflich. Dazu gehört neben der kanadischen CIDA, die
mit der Lehreraus- und Fortbildung beauftragt ist, die Weltbank, UNICEF (Curriculum
Entwicklung), die "Finish Group", die sich um "Special Needs
Education" kümmert und die GTZ, die im Kosovo für den Bereich der beruflichen
Bildung arbeitet.
Ich selbst bin zuständig für alle Bildungsfragen der im Kosovo lebenden
nicht-albanischen Bevölkerungsgruppen. Das sind neben Serben: Kroaten, Bosniaken, Gorani
(slawische Muslime), Türken, Roma, Ashkalija und Ägypter, bei den letzten beiden Gruppen
handelt es sich um "Zigeuner", die albanischsprechend sind; während die Roma
überwiegend serbischsprechend sind.
Die Tätigkeit in einer UN-Mission an sich wie auch die Lebensbedingungen vor Ort
stellen wie es die UN in ihrem Offer of Appointment nennt eine
"Herausforderung" dar, die in Deutschland bislang nur wenige aus
unterschiedlichen Gründen - angenommen haben.
Dass die Zahl der Deutschen, die in internationalen Organisationen arbeiten, speziell
in der UN, gering ist, wird seit langem beklagt. Erst seit wenigen Jahren indes werden
verstärkt Anstrengungen unternommen, den Anteil der Deutschen zu erhöhen. Das
Auswärtige Amt bietet seit knapp zwei Jahren Kurse an, die auf die Teilnahme an zivilen
Missionen vorbereiten. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Um mehr
Deutsche für die Teilnahme an zivilen Missionen und für Tätigkeiten in internationalen
Organisationen zu gewinnen, und um einen Pool von qualifizierten potentiellen Mitarbeitern
aufzubauen, sollte man indes sehr viel früher ansetzen.
Deutschland muss sein Bildungswesen erheblich internationalisieren, und zwar auf allen
Ebenen und in allen Bereichen des Bildungswesen. Es muss dafür sorgen, dass der Einsatz
in internationalen Organisationen sei es vorübergehend oder als langfristige
Berufsperspektive frühzeitig auf dem Bildungsweg das heißt bereits in der
Schule- ins Blickfeld gerät.
Hierzu ist eine umfassende Informationsarbeit zu leisten. Neben dem Auswärtigen Amt
könnte eine zentrale Rolle hierbei das BFIO (Büro Führungskräfte zu internationalen
Organisationen) spielen, das bei einer Institution in Bonn angesiedelt ist, welches den
aussagekräftigen Namen "Zentralstelle Arbeitsvermittlung" trägt. Dessen
Existenz ist indes weitgehend unbekannt. Das gilt auch für das Büro der United Nations
Volunteers, das sich ebenfalls in Bonn befindet. Von derzeit 230 UNV, die im Kosovo
arbeiten, haben lediglich vier die deutsche Staatsangehörigkeit. Das UNV- Büro
vermittelt qualifizierte Professionals aller Alters- und Berufsgruppen in die
verschiedensten Missionen der UN. (Die Bezeichnung "Volunteers" ist insofern
für Deutsche ein wenig irreführend als er suggeriert, als UNV ginge man einer
unbezahlten Tätigkeit nach.)
Auslandsaufenthalte und Praktika in internationalen Organisationen sollten nicht nur
ein integraler Bestandteil von Universitätsstudiengängen sein, sondern auch von
Studiengängen an Fachhochschulen, da hier die in vielen zivilen Missionen benötigten
praktischen Fähigkeiten und theoretische Kenntnisse vermittelt werden.
Auf allen Ausbildungsstufen und in allen Ausbildungsbereichen sollte mehr Wert gelegt
werden auf die Entwicklung von interkulturellen und interreligiösen Kompetenzen sowie der
Fähigkeit mit einem unausgewogenen Geschlechterverhältnis und den damit verbundenen
Konflikten umzugehen. Meine Kollegen kommen aus Nepal, aus Japan, aus Pakistan, aus
Österreich, aus Irland, aus Uganda und vielen anderen Ländern. Darunter sind Muslime,
Katholiken, Protestanten, Juden, Zivilisten, Militärs und Polizisten. 80 Prozent der
Teilnehmer der Friedensmission im Kosovo sind Männer und nur 20 Prozent Frauen. Das
heißt: Wir kommen aus sehr verschiedenen Welten mit sehr verschiedenen
Erfahrungshorizonten, Vorstellungen und Erwartungen. Das Konfliktpotential innerhalb des
Personals von Friedensmissionen ist daher nicht unerheblich.
Ferner sollte ein Netzwerk von ständigen und zeitweisen deutschen Mitarbeitern in
Missionen aufgebaut werden, mit dem Ziel potentiellen Mitarbeitern eine realitätsgerechte
Darstellung der Tätigkeiten und Lebensbedingungen in den verschiedenen Missionen zu
vermitteln und die Kommunikation der bereits in Missionen tätigen Deutschen zu
erleichtern. Darüber hinaus könnten von diesem Netzwerk Initiativen gestartet werden, um
das bislang nur für Militärs und Polizei vorhandene umfangreiche Betreuungsangebot auch
auf "Zivilisten" zu erweitern. Schließlich sollte dieses Netzwerk auch
Hilfestellungen leisten bei der beruflichen Reintegration.
Denn die Frage der beruflichen Reintegration und der Auswirkung einer Tätigkeit in
einer internationalen Organisation auf die weitere Karriere ist eine Schlüsselfrage für
viele, die eine zeitweise Tätigkeit im Ausland in Erwägung ziehen.
Wer als Deutsche/r mehr als sechs Monate im Ausland verbringt, findet sich nach seiner
Rückkehr häufig am Ende der Beförderungsleiter wieder und/oder gilt als nicht mehr
"resozialisierbar", zumal wenn es sich bei dem Ausland nicht um Rom, London,
Paris oder Genf handelt. Wer als Freiberufler tätig ist oder seine früher Stelle
aufgegeben hat, läuft Gefahr bei einem längeren Auslandsaufenthalt die Kontakte zu
potentiellen zukünftigen Arbeitgebern zu verlieren. Friedensmissionen werden indes aus
europäischer Perspektive immer in eher "entlegeneren" Teilen der Erde
eingerichtet werden, und sie sind auf personelle Kontinuität angewiesen, um Effektivität
und Nachhaltigkeit zu sichern. Die Bereitstellung von konkreten Hilfsangeboten für die
Rückkehr in eine berufliche Tätigkeit in Deutschland, die Anerkennung der geleisteten
Tätigkeit im Ausland durch private Arbeitgeber wie staatliche Einrichtungen sind wichtige
Voraussetzungen, um die Arbeit in einer internationalen Organisation für Deutsche
attraktiv zu machen.