winnikl.jpg (2306 Byte)Winfried Nachtwei, MdB
Bündnis 90/Die Grünen

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Wer den Frieden will, bereite den Frieden vor.

Beiträge zur Stärkung der zivilen Säulen internationaler Friedensmissionen

Dokumentation der Fachtagung Bündnis 90/Die Grünen vom 12.10.2001 in Berlin

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  1. Deutsche Beiträge zur Stärkung ziviler Missionsfähikgkeiten:
    Aktivitäten und Erfahrungsberichte

    Dr. Katharina Ochse,
    UNMIK Department of Education and Science, Pristina:

    Seit Juni 2000 arbeite ich unter Michael Daxner, dem langjährigen Präsidenten der Universität Oldenburg, für die Vereinten Nationen im Department of Education and Science in Pristina. Das Bildungs- und Erziehungswesen hat bei der Entstehung des Kosovo-Konfliktes eine zentrale Rolle gespielt und tut dies nun auch bei der Bewältigung seiner Konsequenzen. Nach der weitgehenden Aufhebung der Autonomie haben die Kosovo-Albaner ein von den Serben getrenntes Bildungssystem aufgebaut. Für den Schulunterricht, der zumeist in Privathäusern unter sehr erbärmlichen Bedingungen stattfand, wurden eigene Curricula in albanischer Sprache entwickelt, Lehrer wurden aus "Steuereinnahmen" bezahlt, die von im Ausland arbeitenden Kosovo Albanern geleistet wurden. Auch das Hochschulwesen war geteilt. Die Entwicklung dieses – hochpolitisierten - parallelen Bildungssystems indiziert die Quasi-Staatlichkeit des Kosovo (M. Daxner) vor der NATO-Intervention . Heute befinden sich im Kosovo 850 Schulen, 400.000 Schüler, 27.000 Lehrer/Lehrende, von denen rund 30% keine formale Qualifikation haben. An der gegenwärtigen Universität Pristina, die Serben aus Sicherheitsgründen nicht besuchen können (und weil der Unterricht nur in albanischer Sprache angeboten wird), sind 18.000 Studierende eingeschrieben und 1.700 Bedienstete beschäftigt. Heute müssen Serben unter zum Teil prekären Bedingungen unterrichtet werden. Die große Mehrheit der serbischen Lehrer hat zwar Verträge mit UNMIK in der Tasche, lässt sich indes zugleich aus Belgrad bezahlen. Eine Hochschule für slawisch-sprechende Studierende befindet sich im Aufbau. Von einem integrierten multiethnischen Bildungswesen können wir im Moment nur träumen.

    Das Department of Education and Science, das seit September 1999 besteht, hat sich formal im März 2000 konstituiert und verfügt über ein Budget von 120 Mio. DM. Das sind 30% des Kosovo-Consolidated Budgets. An ihm sind sowohl internationale (18) als auch (19) nationale Mitarbeiter tätig. Zu den zentralen Aufgaben, die das Department zu leisten hat, um zum Gelingen dieser Friedensmission beizutragen, gehört der grundlegenden Neuaufbau des Bildungswesens. Das bedeutet: Integration von allen Kosovaren in das europäische Bildungswesen und Integration auf regionaler Ebene. Eine langfristige Friedenslösung im Kosovo kann nur auf regionaler Ebene geleistet werden . Das zeigt der Konflikt in Mazedonien wieder sehr deutlich. Darüber hinaus leistet das Department of Education einen Beitrag zur Ausbildung einer selbstkritischen politischen Elite, ohne die das Kosovo sicherlich keine friedliche Zukunft haben wird. Bei der Realisierung dieser Aufgabe sind uns Lead-Agencies behilflich. Dazu gehört neben der kanadischen CIDA, die mit der Lehreraus- und Fortbildung beauftragt ist, die Weltbank, UNICEF (Curriculum Entwicklung), die "Finish Group", die sich um "Special Needs Education" kümmert und die GTZ, die im Kosovo für den Bereich der beruflichen Bildung arbeitet.

    Ich selbst bin zuständig für alle Bildungsfragen der im Kosovo lebenden nicht-albanischen Bevölkerungsgruppen. Das sind neben Serben: Kroaten, Bosniaken, Gorani (slawische Muslime), Türken, Roma, Ashkalija und Ägypter, bei den letzten beiden Gruppen handelt es sich um "Zigeuner", die albanischsprechend sind; während die Roma überwiegend serbischsprechend sind.

    Die Tätigkeit in einer UN-Mission an sich wie auch die Lebensbedingungen vor Ort stellen – wie es die UN in ihrem Offer of Appointment nennt – eine "Herausforderung" dar, die in Deutschland bislang nur wenige – aus unterschiedlichen Gründen - angenommen haben.

    Dass die Zahl der Deutschen, die in internationalen Organisationen arbeiten, speziell in der UN, gering ist, wird seit langem beklagt. Erst seit wenigen Jahren indes werden verstärkt Anstrengungen unternommen, den Anteil der Deutschen zu erhöhen. Das Auswärtige Amt bietet seit knapp zwei Jahren Kurse an, die auf die Teilnahme an zivilen Missionen vorbereiten. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Um mehr Deutsche für die Teilnahme an zivilen Missionen und für Tätigkeiten in internationalen Organisationen zu gewinnen, und um einen Pool von qualifizierten potentiellen Mitarbeitern aufzubauen, sollte man indes sehr viel früher ansetzen.

    Deutschland muss sein Bildungswesen erheblich internationalisieren, und zwar auf allen Ebenen und in allen Bereichen des Bildungswesen. Es muss dafür sorgen, dass der Einsatz in internationalen Organisationen – sei es vorübergehend oder als langfristige Berufsperspektive – frühzeitig auf dem Bildungsweg – das heißt bereits in der Schule- ins Blickfeld gerät.

    Hierzu ist eine umfassende Informationsarbeit zu leisten. Neben dem Auswärtigen Amt könnte eine zentrale Rolle hierbei das BFIO (Büro Führungskräfte zu internationalen Organisationen) spielen, das bei einer Institution in Bonn angesiedelt ist, welches den aussagekräftigen Namen "Zentralstelle Arbeitsvermittlung" trägt. Dessen Existenz ist indes weitgehend unbekannt. Das gilt auch für das Büro der United Nations Volunteers, das sich ebenfalls in Bonn befindet. Von derzeit 230 UNV, die im Kosovo arbeiten, haben lediglich vier die deutsche Staatsangehörigkeit. Das UNV- Büro vermittelt qualifizierte Professionals aller Alters- und Berufsgruppen in die verschiedensten Missionen der UN. (Die Bezeichnung "Volunteers" ist insofern für Deutsche ein wenig irreführend als er suggeriert, als UNV ginge man einer unbezahlten Tätigkeit nach.)

    Auslandsaufenthalte und Praktika in internationalen Organisationen sollten nicht nur ein integraler Bestandteil von Universitätsstudiengängen sein, sondern auch von Studiengängen an Fachhochschulen, da hier die in vielen zivilen Missionen benötigten praktischen Fähigkeiten und theoretische Kenntnisse vermittelt werden.

    Auf allen Ausbildungsstufen und in allen Ausbildungsbereichen sollte mehr Wert gelegt werden auf die Entwicklung von interkulturellen und interreligiösen Kompetenzen sowie der Fähigkeit mit einem unausgewogenen Geschlechterverhältnis und den damit verbundenen Konflikten umzugehen. Meine Kollegen kommen aus Nepal, aus Japan, aus Pakistan, aus Österreich, aus Irland, aus Uganda und vielen anderen Ländern. Darunter sind Muslime, Katholiken, Protestanten, Juden, Zivilisten, Militärs und Polizisten. 80 Prozent der Teilnehmer der Friedensmission im Kosovo sind Männer und nur 20 Prozent Frauen. Das heißt: Wir kommen aus sehr verschiedenen Welten mit sehr verschiedenen Erfahrungshorizonten, Vorstellungen und Erwartungen. Das Konfliktpotential innerhalb des Personals von Friedensmissionen ist daher nicht unerheblich.

    Ferner sollte ein Netzwerk von ständigen und zeitweisen deutschen Mitarbeitern in Missionen aufgebaut werden, mit dem Ziel potentiellen Mitarbeitern eine realitätsgerechte Darstellung der Tätigkeiten und Lebensbedingungen in den verschiedenen Missionen zu vermitteln und die Kommunikation der bereits in Missionen tätigen Deutschen zu erleichtern. Darüber hinaus könnten von diesem Netzwerk Initiativen gestartet werden, um das bislang nur für Militärs und Polizei vorhandene umfangreiche Betreuungsangebot auch auf "Zivilisten" zu erweitern. Schließlich sollte dieses Netzwerk auch Hilfestellungen leisten bei der beruflichen Reintegration.

    Denn die Frage der beruflichen Reintegration und der Auswirkung einer Tätigkeit in einer internationalen Organisation auf die weitere Karriere ist eine Schlüsselfrage für viele, die eine zeitweise Tätigkeit im Ausland in Erwägung ziehen.

    Wer als Deutsche/r mehr als sechs Monate im Ausland verbringt, findet sich nach seiner Rückkehr häufig am Ende der Beförderungsleiter wieder und/oder gilt als nicht mehr "resozialisierbar", zumal wenn es sich bei dem Ausland nicht um Rom, London, Paris oder Genf handelt. Wer als Freiberufler tätig ist oder seine früher Stelle aufgegeben hat, läuft Gefahr bei einem längeren Auslandsaufenthalt die Kontakte zu potentiellen zukünftigen Arbeitgebern zu verlieren. Friedensmissionen werden indes aus europäischer Perspektive immer in eher "entlegeneren" Teilen der Erde eingerichtet werden, und sie sind auf personelle Kontinuität angewiesen, um Effektivität und Nachhaltigkeit zu sichern. Die Bereitstellung von konkreten Hilfsangeboten für die Rückkehr in eine berufliche Tätigkeit in Deutschland, die Anerkennung der geleisteten Tätigkeit im Ausland durch private Arbeitgeber wie staatliche Einrichtungen sind wichtige Voraussetzungen, um die Arbeit in einer internationalen Organisation für Deutsche attraktiv zu machen.