winnikl.jpg (2306 Byte)Winfried Nachtwei, MdB
Bündnis 90/Die Grünen

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Wer den Frieden will, bereite den Frieden vor.

Beiträge zur Stärkung der zivilen Säulen internationaler Friedensmissionen

Dokumentation der Fachtagung Bündnis 90/Die Grünen vom 12.10.2001 in Berlin

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  1. Deutsche Beiträge zur Stärkung ziviler Missionsfähikgkeiten:
    Aktivitäten und Erfahrungsberichte

    Dr. Siegfried Brenke, Verwaltungschef / Bürgermeister in Pristina

    Die Richtung, in die diese Tagung zielt, ist wichtig für die künftigen Grundlagen nationaler und internationaler Politik. Denn immer noch ist Frieden kein selbstverständlicher Bestandteil, keine unbestrittene Priorität aller Politik. Er bleibt nicht von allein und er kommt schon gar nicht von allein dorthin, wo sich über lange Zeit ethnisch aufgestaute und ideologisch (falsch) untermauerte Intoleranz und Hass in die Köpfe und Seelen eingenistet haben. Man muss also etwas tun für den Frieden, um diese Vorurteile zu überwinden.

    Ich möchte Ihnen deshalb zunächst einige, zum Teil traumatische Ereignisse nahe bringen, die sich in den letzten zwei Jahren in Pristina und in meinem unmittelbaren Umfeld ereignet haben. Sie lassen das Sicherheitsdefizit deutlich werden, das die kosovarische Gesellschaft nach wie vor ertragen muss. Zum Zweiten möchte ich auf unsere dortige Hauptaufgabe eingehen, nämlich den Aufbau demokratischer Institutionen. Am Schluss werde ich einige Empfehlungen für die Effizienzsteigerung friedenspolitischer Arbeit geben. Allen diesen Punkten ist eines gemein: Frieden ist ohne funktionierende Sicherheitskräfte – von der Polizei bis zur Armee – in Krisengebieten nicht zu verwirklichen. Das Hoffen allein auf die rasche Einsicht der beteiligten Konfliktparteien ist Illusion.

    (1) Einige traumatische Ereignisse in Pristina – nach dem Krieg.

    Genau vor zwei Jahren, am 12. Oktober 1999, bin ich in Pristina angekommen. Am Abend dieses 12. Oktobers wurde ein bulgarischer UNMIK-Kollege, der im gleichen Bus mit mir aus Skopje angereist war, auf der Mother Theresa Street, der Flaniermeile Pristinas, inmitten einer Menschenmenge erschossen. Er soll auf die Frage nach der Uhrzeit auf Serbisch geantwortet haben. Das war sein Todesurteil. Ich kam eine halbe Stunde später an den bereits abgesperrten Tatort und befand mich in einer klatschenden Menge, die überzeugt war, hier hätte ein "serbisches Kriegsverbrechen" seinen Rächer gefunden. Ich fand schnell einen deutsch sprechenden Passanten, der bereit war, meinen Ärger über dieses Verhalten in Albanisch zu übermitteln und ich geriet umgehend mit einem Beteiligten aneinander, der sich als UCK-Kämpfer ausgab und versicherte, dass die Leute schon wüssten was sie täten. Mit Sicherheit habe es den Richtigen (nämlich den Serben) erwischt. Im Laufe der zum Teil hitzigen Auseinandersetzung wurde er aber immer einsichtiger, so dass wir den Disput nicht im anfangs drohenden Handgemenge, sondern im nächsten Restaurant bei einem Orangensaft weiter beendeten. Ein kleiner Beweis dafür, dass Friedensarbeit Früchte trägt? Ich glaube ja.

    Ich hatte gerade meine neue Aufgabe in Pristina übernommen, als am 9. Mai 2000 ein serbischer Kollege aus unserem regionalen Übersetzerteam vermisst wurde. Seine albanischen Kollegen waren sich sofort völlig sicher, er hätte das UNMIK-Fahrzeug, mit dem er unterwegs war, gestohlen und sei nun in Serbien. Am 16. Mai wurde er mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden. Eine Zeitung hatte ihn zuvor mit einem Kriegsverbrechen in Verbindung gebracht, für das es allerdings keine Belege gab. Ich habe natürlich erwartet, dass alle meine albanischen Übersetzer aus dem Team mit zur Trauerveranstaltung gehen würden, die von Dr. Kouchner in dem Auditorium des UN Verwaltungsgebäudes für die Eltern des Kollegen ausgerichtet wurde. Aber kein albanischer Kollege war bereit, teilzunehmen. Alle gaben an, Angst zu haben und meinten, "irgendetwas würde schon dran sein an den Beschuldigungen". Einer konnte sich schließlich aufraffen und ging mit. In der Aula angekommen stellte er fest, dass außer ihm kein anderer Albaner anwesend war. Zitternd, als hätte jemand sein Todesurteil gesprochen, verließ er den Saal und marschierte vor dem Gebäude hin und her. Man sollte sehen, er war nicht in der Versammlung, sondern draußen.

    Vom 9. bis 11. September 2000 veranstaltete die Stadtverwaltung Pristina ihren ersten kleinen Kongress nach dem Krieg mit dem Titel: "Pristina-Vision 2000 – 2005". Es war eine sehr erfolgreiche Konferenz mit einer Vielzahl von Workshops. Die Tagung brachte endlich die unterschiedlichen Akteure der Stadt an einen Tisch: Verschiedene Abteilungen der UNMIK Verwaltung, Vertreter der EU, der Universität und Mitarbeiter anderer öffentlicher Institutionen diskutierten gemeinsam mit den nationalen und internationalen Vertretern der Stadtverwaltung über die Entwicklungsperspektiven der Stadt. Aber Vision und Alptraum liegen in Pristina sehr nahe beieinander: Am Abend des 11. September, nach Abschluss der Veranstaltung wurde Rexhep Luci, mein kompetenter und von der Bevölkerung hoch geachteter albanischer Dezernent für Stadtplanung, am Eingang seines Hauses von professionellen Killern erschossen - wohl weil er die Begründung für die Abrissverfügungen bei einigen illegalen Bauten unterschrieben hatte. Die Stadtverwaltung war für Monate paralysiert. Die Zahl der illegalen Bauten in Pristina dürfte inzwischen bei ca. 5.000 liegen.

    Am 16. Februar 2001 wurde auf den sogenannten "Nis-Express", einem von KFOR geschützten Bus-Konvoi, der Serben zwischen Nis (Serbien) und Pristina hin und her fährt, mit einer ferngezündeten Mine ein Attentat verübt. Neun Menschen kamen ums Leben, viele wurden schwer verletzt. In diesem Bus befanden sich unter anderen auch Angehörige (Kinder) von Kollegen, die in Gracanica arbeiten. In der Enklave Gracanica (Gemeinde Pristina) leben zur Zeit 12.000 bis 15.000 Serben, teils frühere Bewohner aus der Stadt. Sie sind dort sicherer als in Pristina, wo ihre Wohnungen oft von Albanern besetzt sind. Gracanica hat eine Zweigstelle der Stadtverwaltung mit serbischen Angestellten und einem kleinen UNMIK-Team. Dieses Attentat veränderte die Einstellung meines albanischen Übersetzungsteams. Meine kosovar-albanischen Dolmetscher scheuten sich zum ersten Mal nicht, ihr Mitgefühl offen auszusprechen - und sie wollten dies sogar den serbischen Angehörigen mitteilen, ohne dass die UNMIK drängen musste. Sie verfassten ein Beileidsschreiben - zunächst in albanischer Sprache, aber schließlich schickten sie es in serbischer Sprache ab, was sicherlich eine besondere Überwindung für sie bedeutete.

    Zwischenfazit: Anlässlich einer Veranstaltung der Friedrich Ebert Stiftung im Dezember 2000 wurden ca. 15 neu gewählte Stadtverordnete aus verschiedenen Gemeinden des Kosovo für einige Tage nach Berlin eingeladen. In einem Abschlussgespräch befragt, was denn ihre größte Sorge für die mittelfristige Zukunft sei, antworteten sie einmütig: "Sicherheit, Durchsetzung von Gesetz und Ordnung". In einer Stadt, deren Bevölkerung sich in einem Jahr fast verdoppelt hat, mit Wohnungsnot, 60% Arbeitslosigkeit, Versorgungsproblemen bei Wasser und Energie und mit Schulen im Vier-Schichten Betrieb ist diese Übereinstimmung überraschend. Nicht soziale Not und die Probleme des täglichen Lebens sind die essentiellen Sorgen der Bevölkerung, sondern die persönliche Sicherheit und die ihrer Familienangehörigen und Freunde. Nur ein an den Menschenrechten und demokratischen Grundprinzipien orientiertes Gewaltmonopol des Staates kann diese berechtigten Wünsche erfüllen und den Weg zum inneren Frieden mit ebnen. Die Sorge vor selbsternannten "Ordnungsmächten" jedenfalls vereint nach meinen Erfahrungen vor Ort viele Buerger unterschiedlicher politischer Couleur.

     

    (2) Aufbau der Institutionen

    Erstmalig hat die UN gem. Resolution 1244 in einem Einsatzgebiet – übergangsweise - volle Verwaltungsverantwortung übernommen. Sie berät nicht nur, sie handelt selbst. Dabei erfolgt der Verwaltungsaufbau von unten über die Kommunen. Im Kosovo gibt es z.Z. 30 Kommunen mit einer durchschnittlichen Einwohnerzahl von ca. 65.000 Einwohnern. Auf die wichtigsten Etappen bei diesem "Verwaltungsaufbau von unten" möchte ich kurz eingehen:

    Ohne KFOR Unterstützung ging am Anfang nichts

    Eine Woche nach meinem Eintreffen im Kosovo fand ich mich als UNMIK Administrator in Podujevo wieder, einem Landkreis mit einer Fläche von ca. 660 Quadratkilometern und mit ca. 120.000 Einwohnern, auf ca. 70 Dörfer und die gleichnamige Kreisstadt (mit ca. 35.000 Einwohnern) verteilt. Ich hatte eine Mitarbeiterin aus Kenia, die vorher bei einem Mineralöl-Unternehmen gearbeitet hatte und einen Mitarbeiter aus der Türkei, der Erfahrung als Inspektor aus dem Innenministerium mitbrachte. KFOR, in dieser Region British KFOR, war der einzige verlässlich Ansprechpartner vor Ort – zwar nicht zuständig für alles, aber bereit zu tun, was erforderlich war. Die UN Kapazitäten konnten ja nur schrittweise aufgebaut werden. In Podujevo waren wir für einige Monate ohne Kommunikation, (ich durfte das Satellitentelefon bei KFOR benutzen) zum Teil ohne Elektrizität (KFOR besorgte einen Generator), zeitweise ohne Heizung. KFOR besorgte Diesel und reparierte die Heizungsanlage).

    Das erste Geld von UNMIK

    Mit zwei Million DM in kleinen Scheinen – drei große Kartoffelsäcke voll Geld im Kofferraum - fuhren wir im Dezember von Pristina nach Podujevo. Die beiden KFOR Soldaten als Fahrer und Bewacher waren genauso überrascht über diesen Transfer wie ich. Der Geldsegen war die erste Zwei-Monats-Entlohnung für Lehrer (Monatseinkommen 250 DM) Angestellte der Gemeinde und des Krankenhauses sowie eine Sozialhilfe, die besonders Bedürftigen (durchschnittliche monatliche Unterstützung ca. 80 DM, gestaffelt nach Kinderzahl) zugute kam. Wohin mit dem Geld? Der einzig sichere Platz war natürlich das KFOR Lager. Aber für drei Säcke voll Geld gab es auch dort keinen Safe. Eines der kleineren Probleme. Obwohl die ausgezahlten Gelder pro Fall klein waren – UNMIK war dadurch in den Augen der Bevölkerung als eine Art Übergangsregierung anerkannt.

    Gemeinderäte mit breiter politischer Basis

    In den kosovarischen Kommunen gab es seit 1989 weder Gemeinderäte mit kosovo-albanischer Beteiligung noch höherrangige albanische Beschäftigte in den Kommunalverwaltungen. Als Übergangslösung bis zur Kommunalwahl ernannten die UNMIK-Administratoren deshalb Gemeinderäte, die die bestehenden politischen Strukturen vor Ort möglichst gut abbilden sollten. Neben Mitgliedern aus politischen Parteien wurden in die Gemeinderäte auch Vertreter von Bürgergruppen, Frauen, Jugend, Gewerkschaften etc. aufgenommen. Die politische Funktion dieser Gemeinderäte - als ein der Verwaltung übergeordnetes Gremium - war jedoch den Kosovaren neu. Üblich war vorher, dass das Gremium der Spitzenbeamten (Board of Directors) die wichtigsten Entscheidungen fällte. Die Schaffung der Gemeinderäte war eine wichtige Voraussetzung für den Neuaufbau der Verwaltung und die Entmachtung dieser nach dem Krieg von Thaci eingesetzten Statthalter, die gleichzeitig politische und administrative Funktionen ausübten.

    Neue Verwaltungsspitze

    Thaci hatte nach dem Krieg alle Rathäuser mit seinen Vertrauensleuten besetzt. Diese mussten schrittweise abgelöst werden. Die Schaffung der Gemeindräte mit breiter politischer Basis war hierfür eine zentrale Voraussetzung. Alle Mitglieder des Gemeinderates konnten für die Besetzung der Verwaltungsspitze und der Dezernentenposten kompetente Personen vorschlagen. Die Auswahl erfolgte durch ein internationales Gremium. Die Gesamtliste war dem Gemeinderat zur Zustimmung vorzulegen. Das letzte Wort hatte jedoch in dieser Phase der UNMIK Administrator, der nach besten Kräften versuchen musste, politische Ausgewogenheit mit gleichzeitig höchstmöglicher Fachqualifikation des "Board of Directors" zu verbinden.

    Fachreferate

    Um die Verwaltung halbwegs arbeitsfähig zu machen, mussten die Fachreferate möglichst schnell mit Fachkräften besetzt werden. Natürlich sollte hier die politische Anbindung keine Rolle mehr spielen. Die Positionen wurden öffentlich ausgeschrieben. Eine Auswahl musste vor einer gemischt kosovarischen und internationalen Kommission Frage und Antwort stehen. Für viele der kosovarischen Kollegen war es wohl das erste Mal, dass sie sich in solchen ausschließlich fachlich ausgerichteten Bewerbungsgesprächen bewähren mussten. Sie waren teilweise so überrascht über dieses Verfahren, dass sie kaum eine Antwort auf irgendeine Frage hatten. Befragt, warum sie sich auf diesen Posten beworben hatten, kam oft die überraschende Antwort: "Die Partei hat mich vorgeschlagen". Die Auswahl von Bewerbern für Posten ist für viele Kosovaren immer noch im wesentlichen eine Frage der Familien- und der Parteizugehörigkeit.

    Nach gut einem Jahr UNMIK: Die erste demokratische Kommunalwahl im Kosovo

    Der Termin für die Kommunalwahl: Oktober 2000 war lange umstritten. Zu spät? Zu früh? Am Ende war die Wahl ein großer Erfolg für die Kosovaren... und UNMIK, sowie die OSZE, die die Wahlen organisiert hatte. Es gab kaum Zwischenfälle im Zeitraum der Wahlvorbereitung und des Wahlkampfes. Die Wahlbeteiligung lag bei ca. 80% der registrierten Wahlberechtigten. Die Wähler standen mit unglaublicher Geduld stundenlang in Warteschlangen vor den Wahllokalen. Das Ergebnis wurde als Sieg der liberalen und moderaten politischen Kräfte gefeiert. Die Parteiführer der unterlegenen Gruppierungen gaben sich als "faire Verlierer".

    Vereidigung der Stadtverordneten und die Symbole

    Helden, Fahnen und Symbole sind wohl leider die unvermeidlichen Hauptthemen in einer Phase der gesellschaftlichen Identitätsfindung nach einer Umbruchsituation wie im Kosovo. Am 11. November 2000 wurde in allen Kommunen des Kosovo gleichzeitig die erste zeremonielle Ratssitzung der demokratisch gewählten Stadtversammlungen abgehalten. Nach langen Diskussionen hatte Dr. Kouchner entschieden, die Vereidigung solle "nur" unter der UN-Fahne erfolgen. Die Flaggen aller ethnischen Gruppen der Kommune könnten zwar über dem Eingang des Rathauses wehen, nicht aber im Ratssaal selbst. Als es zum Schwur kam, weigerten sich die kosovar-albanischen Delegierten schlicht, ohne "ihren" albanischen Doppeladler den Eid zu sprechen. Die albanische und türkische Fahnen wurden schließlich auf Kouchners Weisung hereingebracht, der bosnische Delegierte begnügte sich mit einer Fahne im Postkartenformat, weil er selbst die Beschaffung seiner Flagge übernommen aber bis zur ersten Sitzung nicht bewerkstelligt hatte. Die serbische Flagge sollte ebenfalls einbezogen werden, wenn serbische Delegierte an den Ratssitzungen teilnehmen würden.

    Präsident, Oberstadtdirektor, Dezernenten übernehmen ihre Ämter, die Kommunalverfassung und das Budget 2001 werden verabschiedet.

    Wahl des Präsidenten und Vizepräsidenten des Stadtrates, Ausschreibung und Besetzung der Positionen des Oberstadtdirektors und der Dezernenten waren bis Anfang Februar 2001 erledigt. Die Kommunalverfassung für Pristina wurde im März – nach öffentlicher Anhörung – einstimmig beschlossen, das erste Budget durch den Rat demokratisch legitimiert. Damit war der Weg für eine formale Überleitung der Verantwortung vom UNMIK Administrator auf die lokale Verwaltung.

     

    Formale Überleitung der Verantwortung

    Ende März 2001 wurde die Verwaltungsverantwortung durch ein Schreiben des Administrators an den Präsidenten der Stadtverordnetenversammlung und den Oberstadtdirektor förmlich übertragen. Zwar bleiben wichtige Kontrollfunktionen für UNMIK erhalten,

    • in allen Minoritätenfragen,
    • bei der Veräußerung kommunalen Vermögens,
    • bei wichtigen Personalentscheidungen (Verfahrenskontrolle) und
    • bei Haushaltsfragen (i.W. ebenfalls Verfahrenskontrolle)

    aber die Rolle der UNMIK – Administratoren wandelt sich schrittweise von aktiver Gestaltung zu formaler und verfahrenstechnischer Kontrolle.

    Erste Sitzung mit Serben in der Stadtversammlung

    Anfang September, also vor einem Monat und mehr als zwei Jahre nach dem Krieg nahmen zum ersten Mal Serben an einer Sitzung der Stadtversammlung Pristina teil. Natürlich stand zunächst das Flaggenproblem wieder im Mittelpunkt.. Zwar war seit der ersten Ratssitzung die Grundsatzentscheidung gefallen: Wenn alle ethnischen Gruppen ihre Flagge im Ratssaal haben, dann natürlich auch die serbische Delegation, wenn sie an den Sitzungen teilnimmt. Aber diese Übereinstimmung hatte wohl nur theoretischen Wert. Als es soweit war, entschieden alle kosovar-albanischen Fraktionen, der Anblick der serbischen Flagge im Ratssaal sei ihnen zur Zeit noch nicht zumutbar. Erst als der Administrator mit Abbruch der Ratssitzung drohte, schickte man sich ins Unvermeidliche. Mit 90 Minuten Verspätung kam die serbische Delegation mit ihrer Fahne in den Ratssaal. Die dann folgende Anekdote will ich Ihnen nicht vorenthalten: Der Fahnenschaft passte nicht in die dafür vorgesehene Halterung. Ein Mitarbeiter versuchte, die serbische Flagge neben der Halterung aufzustellen, aber sie fiel um. Der Administrator zückte kurzerhand vor laufenden Fernsehkameras sein Taschenmesser und spitzte den Schaft an. So schafft man sich Freunde und Feinde!

    Die zweiköpfige "Fraktion" der LKCK verließ unter Protest den Saal, aber die folgende Ratssitzung verlief dann ohne weitere Aufregung. Eine serbische Delegierte erhielt für einen Redebeitrag sogar Beifall von albanischen Delegierten - vielleicht das wichtigste Ereignis dieser Sitzung. Die Presse griff vor allem das Flaggenthema auf und stellte es durchweg negativ dar. "Mr. Brenke, wir haben keine Angst vor Ihrem Messer" war eine der bemerkenswerten Schlagzeilen. Mein albanisches Übersetzungsteam allerdings versicherte mir. "In Wirklichkeit ist die Bevölkerung froh, dass es endlich geschafft ist. Wir wollen Normalität!" Und ein Mitarbeiter berichtete ganz aufgeregt, er hätte auf der Mother Theresa Street eine serbisch sprechende Gruppe gesehen, die sich ohne Scheu und lautstark auf Serbisch unterhielt. Die Leute auf der Strasse hätten sich noch nicht einmal umgedreht. Auf der gleichen Straße, war vor zwei Jahren mein bulgarischer Kollege erschossen wurde, weil er Serbisch sprach. Leider war die Aufregung meines Mitarbeiters wohl berechtigt, denn man kann nicht sagen, das dies ein alltägliches Ereignis war, wie sich bald herausstellte. Dafür benötigt es wohl noch einige Jahre.

    Die Wahl zur "Nationalversammlung"

    Am 17. November 2001 stehen die Wahlen zur kosovarischen "National"-Versammlung an. Neun Ministerien, die sich zum Teil noch im Aufbau befinden, warten auf ihre Minister, die wahrscheinlich gegen Ende Januar 2002 ihre Ämter antreten werden. Auch ein serbischer Minister wird dabei sein, unabhängig davon, wie viele Abgeordnete die serbische Bevölkerungsgruppe durch die Wahlen in die Nationalversammlung entsendet. Ein Minimum von 10 Sitzen ist ihnen durch die von UNMIK formulierten konstitutionellen Rahmengesetze garantiert.

    Lösung praktischer Probleme

    Der geschilderte systematische Aufbau des Verwaltungssystems und demokratischer Institutionen wirft neben grundsätzlichen Fragen täglich eine Fülle praktischer Einzelprobleme auf. Nur wenige Beispiele:

    Im November 1999 erhielten die Kommunen ihr erstes Budget. Die Mittel sollten bis Dezember 1999 ausgegeben sein. Die Vertreter der Weltbank erklärten den kommunalen Administratoren, dass die Geberländer auf bestimmten Standards und Bedingungen bei der Vergabe der Mittel bestünden und deshalb das Verfahren leider etwas schwerfällig sei. Statt eine einheitliche und einfache Software für "das erste Budget" zu liefern, gab es viel theoretisches Papier zur Budgetsystematik. Das Konzept war viel zu kompliziert, und deshalb für Administratoren und lokalen Mitarbeiter weitgehend unbrauchbar. Jeder "strickte" seine eigene Lösung, die mit der Realität in den kosovarischen Kommunen des Winters 1999 –2000 irgendwie vereinbar war.

    Korrekte Arbeitsplatzbeschreibungen in Englisch, Albanisch und Serbisch sind wichtige Bausteine für die richtige Auswahl und den späteren Einsatz des kommunalen Personals. Alle 30 Administratoren mussten sich damit individuell herumschlagen, weil solche selbstverständlichen Kriterien für die Personalauswahl fehlten. Dabei wäre es sinnvoll gewesen, solche Vorgaben zentral zu erarbeiten und zu übersetzen.

    Ich bin auf das illegale Bauen bereits in anderem Zusammenhang eingegangen. Natürlich kann man die lokalen Inspektoren nicht mit diesem Problem allein lassen, sondern man braucht zuverlässige und nicht korrumpierbare Polizeiunterstützung zur Eindämmung illegaler Bautätigkeit. Nötig ist dabei ein langer Atem. Andererseits sind aber vereinfachte und beschleunigte Baugenehmigungsverfahren dringend notwendig, um dem starken Bevölkerungszuwachs Rechnung zu tragen. Auch hier haben die Administratoren allein gekämpft – und in der Regel erfolglos.

    Die Liste der Themen wichtiger Inhalte eines "Werkzeugkastens für den Einsatz vor Ort" ließe sich problemlos verlängern. Gleichzeitig ist klar: Nach einem einheitlichen "Kochbuch" können auch nicht alle Probleme gelöst werden. Dazu sind die sozialkulturellen Voraussetzungen von Ort zu Ort zu unterschiedlich. Gebraucht wird ein Netzwerk von Ansprechpartnern mit hinreichender Praxiserfahrung, sozusagen eine verlängerte Werkbank, die den friedenssichernden und entwicklungspolitischen Maßnahmen von außen zuarbeitet. Ein Netzwerk von Mitarbeitern, die selbst schon "vor Ort" waren, ähnliche Situationen und Rahmenbedingungen kennen, und schnell verstehen, was konkret gebraucht wird.

    Es gibt also sicher vieles zu verbessern bei künftigen Missionen der UN. Aber ich glaube, dass der "Aufbau der Institutionen von unten" ein gutes, entwicklungsfähiges Konzept ist und Bestandteil unserer Anstrengungen für eine "Renaissance der UN" sein sollte, wie sie auch Staatsminister Volmer gefordert hat.

    Bausteine für eine Verstärkung des deutschen Beitrags zur Friedenspolitik

    • Die Basis verbreitern:
      Mehr Menschen für die Mitwirkung an friedenssichernden Einsätzen interessieren und ausbilden. Die Motivation und Vorbereitung muss in der Schule beginnen und durch gut vorbereitete Jugendcamps Praxisnähe schaffen. Jugendliche aus zugewanderten Familien stellen hier ein besonderes Potenzial dar.
    • Eine verlängerte Werkbank bereitstellen.
      Viele Probleme im Einsatzgebiet könnten in Zusammenarbeit mit Institutionen zu Hause leichter gelöst werden – wenn diese eine bessere Vorstellung davon hätten, was dort wirklich gebraucht wird. Dies dürfte für die Lösung vieler kurzfristig anstehender konkreter Probleme (Wohin mit dem Müll?) aber auch für längerfristige Aufgaben wie gerade beim Verwaltungsaufbau, dem "Institution Building" im weitesten Sinne zutreffen. Hier bedarf es einer "Schaltstelle", die die in Deutschland/Europa verfügbaren Kenntnisse und Materialien auf die Bedürfnisse im Einsatzgebiet hin aufbereitet. Der Kommunikationsfluss zwischen dem Einsatzort und einer solchen Schaltstelle (einer "Zentrale für praxisnahe Friedenssicherung?" einer "Zentrale zur Unterstützung von Friedenseinsätzen?" einer "Werkstatt für Friedenssicherung und Kooperation beimVerwaltungsaufbau?" oder einer bereits bestehenden Institution, die stärker auf diese Aufgabe ausgerichtet wird?) muss verbessert werden.
    • Eine Renaissance der UN muss auch institutionelle Kapazitäten auf nationaler Ebene auf dieses Ziel ausrichten. Das UNV (United Nations Volunteers) Programm stärken. Diese in Bonn beheimatete UN Institution ist noch viel zu wenig bekannt. Sie sollte bei der Verknüpfung von Ausbildung mit Auslandseinsätzen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit und der Friedenssicherung stärker einbezogen und ausgebaut werden.
    • Die Attraktivität und Absicherung von Auslandseinsätzen für Beschäftigte im Öffentlichen Dienst erhöhen. Ein wesentlicher Grund für die geringe Repräsentanz deutscher Mitarbeiter in internationalen Organisationen ist die Tatsache, dass Auslandstätigkeit gleich welcher Art tendenziell karriereschädlich ist. Insbesondere die Auslandstätigkeit von Beschäftigten auf Ebene der Länder und Gemeinden muss personalpolitisch und arbeitsrechtlich abgesichert und vereinfacht werden.