Winfried Nachtwei, MdB, Bündnis 90/Die Grünen Bremer Str. 54; 48155 Münster, TEL 0251 66 22 80, FAX 0251 66 22 96 Email: news@nachtwei.de |
Eröffnung der Villa ten Hompel in MünsterLiebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Damen und Herren! Am 13. Dezember, dem 58. Jahrestag der Deportation münsteraner Juden nach Riga, wird endlich die Villa ten Hompel als Erinnerungs-, Forschungs- und Bildungsstätte eröffnet. 1940 bis 1944 residierte in der Villa der "Befehlshaber der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI" (Rheinland und Westfalen), der u.a. polizeiliche Begleitkommandos für die Deportations-züge in den Osten stellte. Damit entsteht die einmalige Gelegenheit, die Dimensionen arbeitsteiliger Mitverantwortung und Mittäterschaft im NS-System exemplarisch zu erforschen und zu veranschaulichen, sowie den Zusammenhang von "Normalität" und Staatsverbrechen zu ergründen. Erstmalig wird neben den historischen Orten der Ausführung von NS-Verbrechen oder den Zentralen des SS-Staates ein "Schreibtischtäterort" der mittleren Ebene kenntlich gemacht, der mit seinem Arbeitsalltag der Erfahrungswelt heutiger Bürgerinnen und Bürger viel näher steht als die "Brennpunkte" des NS-Terrors. Angesichts der unumkehrbaren Tatsache, dass die Überlebenden in wenigen Jahren der jungen Generationen nicht mehr für Gespräche zur Verfügung stehen, angesichts der wichtigen Diskussion über die Zukunft der Erinnerungsarbeit in Deutschland hat diese Stätte in Münster die Chance, eine der möglichen praktischen Antworten auf die Probleme des künftigen Umgangs mit der deutschen Geschichte des zu Ende gehenden Jahrhunderts anzubieten. Auf die Spur der Villa ten Hompel stieß ich indirekt Anfang der 80er Jahre über die Broschüre "Dem Gedenken an die Gefallenen und Luftkriegstoten (1939-1945)", in der Dr. Lankenau, Generalleutnant a.D. und Befehlshaber der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI bis 1942, Teile seines Buches "Polizei im Einsatz" zusammengefaßt hatte. Anläßlich einer Begegnungsreise der GAL-Friedens-AG 1988 nach Weißrußland erstellte ich eine Dokumentation "Spuren des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion im Münsterland", in dem die 17 im Wehrkreis VI aufgestellten Reserve-Polizeibataillone aufgelistet waren und auf die Rolle von Polizeiverbänden beim Vernichtungskrieg im Osten hingewiesen wurde. Bei Forschungen zu den Riga-Deportationen begegnete mir in den Aktenbeständen des Staatsarchivs Münster dann erstmalig die Adresse Kaiser-Wilhelm-Ring 28 ("Höherer SS- und Polizeiführer beim Oberpräsidenten von Westfalen, Hannover, Rheinprovinz und beim Reichsstatthalter in Lippe und Schaumburg-Lippe im Wehrkreis VI, i.V. BdO Dr. Lankenau"). In den spärlichen Dokumenten über die Funktion des Sitzes des Befehlshabers der Ordnungspolizei von 1940 - 1944 wurde vor allem beschrieben, wie die 200 000 zur Verfügung stehenden Kräfte beim Schutz der Bevölkerung im Krieg eingesetzt wurden z.B. das Reserve-Polizeibataillon 61 aus Dortmund, das dem Polizeipräsidenten Münster vom 8.7.1941 zum Luftschutzeinsatz zur Verfügung stand. Über den pensionierten Polizeibeamten Alexander Primavesi, der im Dortmunder Präsidium ein bundesweit einzigartiges Polizei-archiv aufgebaut hatte, erfuhr ich 1993 die andere Seite dieses Bataillons: Allein zwischen September 1939 und April 1940 hatte es in Polen 75.000 Menschen "umgesiedelt" bzw. direkt erschossen. Von den insgesamt 17 Polizeibataillonen aus dem Wehrkreis VI waren elf ab Sommer 1941 in Polen und der Sowjetunion im Einsatz. Verfahren der westdeutschen Justiz gegen ehemalige Angehörige von neun dieser Bataillone ergeben zweifelsfrei, dass diese dort umfassend am Holocaust beteiligt waren. Das Polizeibataillon 309 (Köln) verbrannte und erschoss am 27. Juni 1941 in der Synagoge Bialystok über 2000 Jüdinnen und Juden. An der Seite des von Christopher Browning untersuchten Polizeibataillon 101 (Hamburg) mordeten ab Sommer 1942 im Distrikt Lublin die Reserve-Polizeibataillone 65 (Recklinghausen) und 67 (Essen). Es war schon sehr auffällig: Während die Forschungen zu den Opfern der nationalsozialisti-schen Terrorherrschaft auf eine gute öffentliche Resonanz stiessen, liefen Forschungen und Vorträge zu Polizei- und Wehrmachtsverbänden, also zu potentiellen (Mit-)Täterspuren vor der "eigenen Haustür", weitgehend ins Leere. So kann es nicht verwundern, dass die Geschichte der Villa ten Hompel im NS-Terrorsystem fünfzig Jahre verborgen blieb. Erst als sich 1994 für den Regierungspräsidenten die Frage der weiteren Verwendung der Villa ten Hompel stellte und ich eine Historische Skizze zu ihrem Hintergrund und ihrer möglichen Verwendung vorlegte, kam der Stein ins Rollen. Im Sommer 1996 beschloss der Rat der Stadt Münster, vom Land NRW die Villa ten Hompel zu kaufen und in ihr eine Erinnerungs- und Studienstätte zum Nationalsozialismus einzurichten. Leider bestand zu diesem Zeitpunkt der anfängliche Allparteienkonsens nicht mehr. Die neue Opposition zog vor allem den historische Stellenwert des BdO-Sitzes in Zweifel und kritisierte die Kosten des Projekts. In der begleitenden öffentlichen Auseinandersetzung war auffällig, wie sehr die Verwicklung des BdO in das NS-Unrechtssystem verdrängt wurde bis zur Weigerung einer grossen Lokalzeitung, Leserbriefpassagen zur Mordtätigkeit der Polizeibataillone zu veröffentlichen. Der Stab des Befehlshabers der Ordnungspolizei war eine hervorgehobene, aber keineswegs einzigartige Stelle des NS-Systems, ein Ort der "Schreibtischtäter" der mittleren Ebene, eine "ganz normale Polizeibehörde", deren Vollstrecker "ganz normale" Männer, Beamte, Nachbarn waren. Aber es erscheint mir so wichtig, dass gerade ein solches Zahnrad in der NS-Mordmaschine nicht in Vergessenheit gerät. Es muss Allgemeingut werden und bleiben, dass die Greueltaten des Nationalsozialismus nur durch Wegsehen, Mitläufertum und aktiver Unterstützung durch normale Bürokraten und durch einfache Bürgerinnen und Bürger möglich werden konnte. Darum sollten wir diese neue Einrichtung in Münster in unserer eigenen politischen Arbeit, aber auch in der persönlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte Münsters und seiner BürgerInnen aktiv nutzen. Denn Gelingen kann das Projekt nur, wenn es breite Unterstützung erfährt. Ich bin mir sicher, daß das bundesweit einmalige Projekt der Villa ten Hompel inzwischen wieder von allen im Rat der Stadt Münster vertretenen Parteien getragen wird. Zu danken ist Alexander Primavesi, der als mutiger Demokrat und loyaler Polizeibeamter entscheidend zur Erforschung der Polizei im NS beitrug. Zu danken ist Alfons Kenkmann, Maria Vogelpohl und Horst Wiechers, die das Projekt von Anfang an mit Hartnäckigkeit verfolgten. Zu danken ist der Stadt Münster, die sich trotz knapper Kassen und gegenläufiger Stimmungen in der Gesellschaft zu diesem Projekt entschlossen hat. Zu danken ist nicht zuletzt der Polizei in Münster, die bei diesem Projekt nicht mehr "Nestbeschmutzung" befürchtet, sondern im Gegenteil seine Chance begreift, zu einer Stärkung von rechtsstaatlich-demokratischem Bewußtsein in Behörden und Gesellschaft beizutragen. Mit freundlichem Gruß Winfried Nachtwei
|