Winfried Nachtwei, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

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Westfälischer Krieg:

Wehrmachtsverbände aus Münster

Vor lauter Erinnerung an den Westfälischen Frieden wird gern "vergessen", wie zentral Münster für den Krieg der Wehrmacht war. An der Nordseite des Hindenburgplatzes wird das exemplarisch deutlich. Im Stabsgebäude des heutigen Deutsch-Niederländischen Korps befand sich vor 60 Jahren das Generalkommando des VI. Armeekorps und der Befehlshaber des Wehrkreises VI (Rheinland und Westfalen). Seine Generale (z. B. von Kluge, Förster) gehörten zu den Befehlshabern des Vernichtungskrieges im Osten. Von hier wurden 14 Divisionen in den Krieg geschickt. Zum Beispiel die 6. Infanteriedivision aus Bielefeld, Minden, Osnabrück, die "Westfälische" 16. Infanteriedivision (Mot.) und die 16. Panzerdivision (PzDiv) aus Münster, Rheine, Soest, deren Gedenkstein am Kalkmarkt steht.

Alle Divisionen waren beim Krieg gegen die Sowjetunion dabei, die 6. InfDiv z. B. 1943 beim "Bandenunternehmen Freischütz" bei Smolensk, die 16.InfDiv bis in den Raum des Kaspischen Meeres. Die 16. PzDiv nahm an mehreren großen Kesselschlachten teil, u. a. bei Kiew. Dort gerieten mehr als 600.000 Sowjetsoldaten in deutsche Gefangenschaft, Hunderttausende fielen schon in den ersten Monaten den verheerenden Haftbedingungen zum Opfer. Die Schlacht von Kiew war kaum beendet, als ein Einsatzkommando von Sicherheitspolizei und SD ca. 34.000 Juden in der Schlucht von Babi Yar erschoß - mit Unterstützung der örtlichen Wehrmacht. Im August 1942 erreichte die 16. PzDiv als erste die Wolga bei Stalingrad. 128 Überlende der Division kehrten Jahre später nach Deutschland zurück.

Über Jahrzehnte waren Bundeswehrverbände "Traditionsträger" von Wehrmachtsregimentern, die Heeresbataillone in Handorf, Ahlen und Dülmen von Regimentern der 16. Panzerdivision. Das frühere Panzerbataillon 194 gab in den 80er Jahren eine Geschichte des Panzerregiment 11(PzRgt 11) der Wehrmacht heraus. Diese ist beispielhaft für die Masse militärischer Erinnerungsliteratur, die meist von Traditionsverbänden herausgegeben wird. Schlachtenschilderungen, Landsergeschichten, Loblieder auf "soldatische Leistungen" und Kameradschaft. Mit den üblichen Vorbemerkungen zur "Tragik" der deutschen Soldaten, die aber letztlich alle "sauber" geblieben seien, wird jede Verwicklung in Vernichtungskrieg und Völkermord geleugnet. Genauso ausgeblendet bleiben aber auch Fälle abweichenden Verhaltens, von Gehorsamsverweigerung und Widerstand. Neben der Rechtfertigungsliteratur gibt es praktisch keine wissenschaftlich fundierten Studien zu Wehrmachtsverbänden.

Das Verhältnis zur Wehrmacht ist ein Prüfstein, wieweit sich Bundeswehrangehörige als Staatsbürger in Uniform oder als Angehörige eine Berufes "sui generis" mit "zeitlosen soldatischen Werten" verstehen. Im Bundestagsuntersuchungsausschuß "Bundeswehr und Rechtsextremismus" erfuhr ich sehr deutlich, wie widersprüchlich der Umgang der Bundeswehr mit der Wehrmacht ist. Den offiziellen Distanzerklärungen gegenüber der Wehrmacht, der Betonung des 20 Juli und eigener Bundeswehrtradition steht vielfach ein Traditionsalltag entgegen, wo die Wehrmacht verharmlost und verklärt wird, wo sich sich Bundeswehrangehörige in einem Boot mit den "alten Kameraden" sehen. Solche demokratieferne Traditionspflege ist ein Einfallstor für rechtsradikale Gesinnung. Das zeigt sich in rechtsradikalen Buchdiensten wie "Nation Europa", die voller Werbung für militärische Erinnerungsschriften sind, oder im "Soldat im Volk", der Monatszeitschrift des Ringes deutscher Soldatenverbände, wo viele Leitartikel genauso in DVU-Blättern erscheinen könnten.

Um solchen Subkulturen eines braungefleckten Traditionalismus entgegenzuwirken, schlug ich Verteidigungsminister Rühe vor, historisch-kritische Untersuchungen zu Wehrmachtsverbänden einzelner Regionen durch zivile und militärische HistorikerInnen zu initiieren. Dabei sollte es nicht um verspätete "Schuldermittlung" gehen, sondern um die Erkundung was und warum es so war. Der Minister lehnte ab. Solche Detailstudien widersprächen dem historischen Bildungsbegriff der Bundeswehr.

Für Münsteraner Historiker sowie aktive und ehemalige Soldaten sollte diese Verweigerungshaltung ein Anstoß sein, sich endlich gemeinsam an die ehrliche Aufarbeitung der "lokalen" Wehrmachtsgeschichte zu machen und nicht zu warten, bis keine Zeitzeugen mehr leben.