Winfried Nachtwei, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

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Münsteraner Spuren im Vernichtungskrieg

Im Stabsgebäude des I. Deutsch-Niederländischen Korps befand sich vor 60 Jahren das Generalkommando des VI. Armeekorps und der Befehlshaber des Wehrkreises VI (Rheinland und Westfalen). Von hier wurden 14 Divisionen in den Krieg geschickt. Umfassende und kritische Untersuchungen zu ihrer Geschichte gibt es bisher nicht.

Vor genau 57 Jahren, am 16. August 1941, eroberte die 16. Panzerdivision aus Münster Nikolajew am Schwarzen Meer. "In achtwöchigem, pausenlosen Einsatz hatte die Division ihren Mann gestanden. (..) Für sie gab es keine Frontlinie und keine Etappe, der Feind stand in allen Himmelsrichtungen und blitzschnell schlugen sie zu, wenn er auftauchte. Galt noch in Frankreich das ungeschriebene Gesetz ritterlichen Kampfes, die Russen kannten dieses Gesetz nicht. Sie kämpften nicht nur tapfer und zäh, sondern auch grausam und tückisch, und die Männer der 16. Pz.Div. mußten sich ihrer Haut wehren und sich auf diese Kampfesweise einstellen." (1) Allein von den 2.400 Soldaten des Regiment 64 waren inzwischen 269 tot und 714 verwundet. Für einige Tage konnten sich die Soldaten der Division in Nikolajew erholen.Schon am 17.8. erreichte das Sonderkommando 11a von Sicherheitspolizei und SD Nikolajew. Am 18.9. wurde Nikolajew Standort der Einsatzgruppe D. Bis zum 31.8. wurden ca. 5.000 der ungefähr 20.000 jüdischen Einwohner von Nikolajew ermordet. (2) Die Ereignismeldungen UdSSR des Reichssicherheitshauptamtes meldeten allein für die zweite Septemberhälfte 22.467 durch die E.G. D Exekutierte - und bis 30.9. insgesamt 35.782 erschossene Juden und Kommunisten.

Im September kam die 16.Pz.Div. bei der Kesselschlacht von Kiew zum Einsatz. "Das XI. Korps trieb die Russen von Südwesten her der 16. Pz.Div. vor die Rohre. (..) Die Kompanien umgingen keine Ortschaften mehr; sie säuberten Dorf für Dorf." Nach der Schließung des Kessels am 24.9.:

"Insgesamt wurden 51 russische Divisionen vernichtet, 665.000 Gefangene eingebracht (..) Die 16.Pz.Div. hatte wieder an entscheidender Stelle gekämpft; sie gehörte nun zu den alten Hasen unter den Panzereinheiten. Und die Männer waren stolz auf ihre Division, deren Zeichen überall im Südabschnitt bekannt war. 'Mit eine Hände' hielt mancher von ihnen zehn Bolschewiken. In ihrer herrlichen Sturheit waren sie auch 'bei einer der fünft weitaus zweitbeschissensten Lagen' niemals von den Socken. Westfälische Zähigkeit und rheinische heitere Wurschtigkeit war hier in idealer Mischung mit dem Mute der Ostdeutschen verbunden. Alle kritischen Situationen hatten sie bisher immer wieder gemeistert. Sie vertrauten ihrem Kommandeur, der schon lange kein unbekannter General mehr war, sondern ihr Papa Hube - und sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel." (3)

Am Angriff auf Stalingrad nahm die 16. Pz.Div. als Teil der 1. Panzerarmee neben der 6. Armee teil. Sie erreichte am 23. August 1942 als erste die Wolga bei Stalingrad und wurde dort von einer mörderischen Führung verheizt. 128 Überlebende der Division kehrten nach Jahren schlimmster Gefangenschaft in die Heimat zurück. Der Gedenkstein der 16. Pz.Div. steht am Kalkmarkt.

Die 6. (rheinisch-westfälische) Panzerdivision (Teil der Panzergruppe 4 unter Generaloberst Hoepner) erreichte bei ihrem Vorstoß nach Leningrad schon wenige Tage nach Kriegsbeginn Ende Juni 1941 den Raum Dünaburg in Ostlettland. Hier ergriff die Wehrmacht schon am 29. Juni die Initiative: "Auf Anordnung des Ortskommandanten hatten sich alle jüdischen Männer von 14 bis 60 Jahren auf dem Marktplatz einzufinden, wo sie deutsche Offiziere verhöhnten, schikanierten, die kräftigsten Männer und die Intelligenz ins Gefängnis überführt wurden. Einen Teil der Inhaftierten ließ man danach (..) hinter dem Gefängnis erschießen. (..) Unzählige Aussagen (..) bezeugen einheitlich, daß die Militärs das Eintreffen des sicherheitspolizeilichen Einsatzkommandos 1b gar nicht erst abwarteten, auf dessen Initiative Anfang Juli etwa 1.500 Juden ermordet wurden." (4) Ortskommandanturen und untergeordnete Militärstellen erließen hier und in vielen anderen lettischen Orten in "vorauseilendem Gehorsam" antijüdische Verordnungen, z.B. zu ihrer Kennzeichnung, zur Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit. Das in den ehemaligen Pferdeställen der alten Dünaburger Festung eingerichtete Ghetto hieß offiziell zunächst "Judenkonzentrationslager der Wehrmacht in Dünaburg".

Schon im Mai 1941 hatte General Hoepner den folgenden Befehl an die Einheiten seiner Panzergruppe gerichtet: "Der Krieg gegen Rußland ist die zwangsläufige Folge des uns aufgezwungenen Kampfes um das Dasein (..). Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus. Dieser Kampf muß die Zertrümmerung des heutigen Rußland zum Ziel haben und deshalb mit unerhörter Härte geführt werden. Jede Kampfhandlung muß in Anlage und Durchführung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, völligen Vernichtung des Feindes geleitet sein. Insbesondere gibt es keine Schonung für die Träger des heutigen russisch-bolschewistischen Systems." (5) Für das ganze Baltikum galten die "Richtlinien für die militärische Sicherung und für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung im Ostland" des Wehrmachtsbefehlshabers Ostland, Generalleutnant Braemer, vom 25.9.1941: Die Sicherheit der kämpfenden Wehrmachtsteile (..) fordere "gebieterisch", daß "alle die Ruhe und Ordnung gefährdenden Faktoren unschädlich gemacht" würden - neben versprengten Rotarmisten und Partisanen "kommunistische und sonstige radikale Elemente" und "Juden und judenfreundliche Kreise". (6)

Ein Großteil der münsterländer Juden wurde am 13. Dezember 1941 in das "Reichsjudenghetto" Riga deportiert. Arbeitsfähige mußten Zwangsarbeit leisten, u.a. bei Wehrmachtsstellen. Überlebende berichteten mir von Soldaten, die sich ihnen gegenüber menschlich verhalten hatten, sie gegenüber Schikanen und dem Terror der SS in Schutz genommen, ja in einzelnen Fällen sogar das Leben gerettet hatten. Ehemalige Frontsoldaten berichteten, wie sie bei Zwischenaufenthalten in Riga den Lärm der Massenerschießungen am Stadtrand gehört hatten. Es gab Wehrmachtssoldaten, die versuchten sich im Ghetto zu verstecken. Nach Akten der Ortskommandatur Riga der Wehrmacht wurden dort allein zwischen Januar und Juni 1942 neun einfache Soldaten und ein Unteroffizier wegen "Fahnenflucht" verurteilt und erschossen.

Spendenkonto Soforthilfe für ehemalige Ghetto- und KZ-Häftlinge in Lettland,

Nr. 10005007 bei Stadtsparkasse Münster, BLZ 40050150 (W. Nachtwei)

(1) Wolfgang Werthen: Geschichte der 16. Pz.Div. 1939 - 1945, hrg. vom Kameradschaftsbund 16. Pz.- und Inf.-Div., Bad Nauheim 1958, S. 61; (2) Martin Gilbert: Endlösung, Reinbek 1995, S. 68; (3) Werthen, S.65 ff.; (4) Margers Vestermanis: Der lettische Anteil an der "Endlösung", in: Uwe Backes u.a. (Hrg.): Die Schatten der Vergangenheit, Frankfurt 1990, S. 430; (5) zitiert bei Helmut Krausnick/Hans-Heinrich Wilhelm: Die Truppe des Weltanschauungs-krieges, Stuttgart 1991, S.217; (6) zitiert bei Hans-Heinrich Wilhelm: Motivation und "Kriegsbild" deutscher Generale und Offiziere im Krieg gegen die Sowjetunion, in: Peter Jahn/Reinhard Rürup: Erobern und Vernichten. Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941-1945, Berlin 1991, S. 172; (7) Zu Westfalen: Horst Großmann: 6. Inf.Div., Bad Nauheim 1956 (Bielefeld); Wolfgang Paul: Brennpunkte. Die Geschichte der 6. Pz.Div. 1937-1945, Osnabrück 1993 (Wuppertal); Gerhart Lohse: Geschichte der rheinisch-westfälischen 126. Inf.-Div. 1940-1945, Bad Nauheim; Bildband der 16. Pz.Div., hrg. vom Kameradschaftsbund 16. Pz.Div., Bad Nauheim 1956; Das Pz.Rgt. 11 (Paderborn) in: Die Traditionstruppenteile des Pz.Btl. 194 , Lünen 1987; W. Nachtwei: Kriegsspuren. Dokumentation über Spuren des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und anderer Kriege gegen Rußland in Münster, Münster 1988 (anläßlich einer Begegnungsreise nach Minsk); Ders.: "Ganz normale Männer". Die Verwicklung von Polizeibataillonen aus dem Rheinland und Westfalen in den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg, in: Alfons Kenkmann (Hrg.): Villa ten Hompel, Münster 1996 (8) Kleine Anfrage "Soldatische Traditionsverbände und ihre Beziehungen zur Bundeswehr" des Abgeordneten Winfried Nachtwei und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und die Antwort der Bundesregierung vom 5.5.1998 (BT-Drs. 13/10593)