Winfried Nachtwei, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

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Deutsche Einheit in der Bundeswehr herstellen

Rede am 28. Juni 2002 zum Antrag der PDS-Fraktion 

– Drucksache 14/8920 –

Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Die PDS bringt heute, also kurz vor Ende der Legislaturperiode,

einen Antrag in den Bundestag ein, in

dem sie sich für Belange ehemaliger Soldaten der NVA

einsetzt. Die Frage drängt sich auf, warum der Antrag so

spät kommt, wo eine vernünftige parlamentarische Beratung

in den Ausschüssen nicht mehr möglich ist. Warum

wurde nicht die Möglichkeit des Unterausschusses

„Streitkräftefragen in den Neuen Bundesländern" genutzt,

in dem die PDS auffällig sporadisch präsent ist?

Wir fragen uns natürlich auch, warum der Antrag namentlich

in erster Linie von Abgeordneten wie Frau

Lippmann, Herrn Gehrke oder Herrn Wolf unterstützt

wird, die nicht aus Ostdeutschland kommen und sich als

die Friedensapostel der PDS präsentieren. Dies ist vor allem

auch deshalb bemerkenswert, weil sie in diesem

Antrag ein Loblied auf das deutsche Soldatentum, das

Wettrüsten und die militärische Abschreckung singen.

Wir kennen das aus den Hochzeiten der Nachrüstungsdebatte.

Während die Grünen immer darauf bestanden haben,

dass Mittelstreckenwaffen in Ost und West geächtet

werden müssen, haben unsere so genannten Friedensfreunde

aus dem kommunistischen Spektrum die Stationierung

von Mittelstreckenraketen in der DDR gerechtfertigt.

Die PDS fordert eine „differenzierte Beurteilung der

Rolle der NVA im Rahmen der zwischen den beiden damaligem

Supermächten verabredeten gegenseitigen Abschreckung

durch militärische Stärke". „Differenzierte

Beurteilungen" kann man selbstverständlich nur befürworten.

Es gibt keine Pauschalverurteilung der circa

2,5 Millionen Menschen, die ihren Dienst in der NVA

geleistet haben. Was wir hier aber von der PDS im ideologischen

Teil präsentiert bekommen, ist alles andere als

differenziert. Ich hätte gerne auch ein selbstkritisches

Wort zur Rolle und Verantwortung der SED gehört. Es

kann doch nicht sein, dass man sich hier hinstellt und so

(D)

(B)

tut, als seien die Entscheidungen nur in Moskau getroffen

worden und ansonsten hätten die Soldaten der NVA nur

ihre soldatische Pflicht erfüllt. Diese Argumentation ist

uns vonseiten ehemaliger Wehrmachtsangehöriger wohl

vertraut.

Der Tenor des Antrages läuft darauf hinaus, die höchst

unterschiedlichen Armeen der beiden deutschen Staaten

„gleichzumachen". Die PDS tut so, als sei auch die NVA

der Demokratie verpflichtet und rechtsstaatlich eingebunden

gewesen, als hätte es keine ideologische Ausrichtung

auf die Partei, keine militärische Offensivorientierung

und keine Auslandseinsätze der NVA gegeben.

Völlig begründet ist allerdings die Kritik an einer bundesrepublikanischen

Praxis, die den Dienst in der Wehrmacht

höher bewertet als den Dienst in der NVA. Verglichen

mit der verbreiteten „differenzierten" Beurteilung

der Wehrmacht ist die Bewertung der NVA vielfach auffällig

pauschal. Wenn die Bundeswehr, wie jüngst zu

Pfingsten geschehen, in Anwesenheit von hakenkreuztragenden

Wehrmachtsveteranen Gebirgsjäger der Wehrmacht

durch Kranzniederlegung ehrt, ist das aus meiner

Sicht unverantwortbar. Diese Praxis muss überdacht werden.

Ich hoffe, dass der Fingerzeig der PDS auf die „ehrenrührige"

Zentrale Dienstvorschrift 10/8 keine Aufforderung

ist, künftig auch NVA-Generäle mit militärischen

Ehren beizusetzen.

Warum die Bezeichnung des NVA-Dienstes als „Wehrdienst

in fremden Streitkräften" als entwürdigend empfunden

wird, ist angesichts des Anspruchs der früheren

DDR auf staatliche Eigenständigkeit nicht nachvollziehbar.

Dienstgrade haben in den hierarchischen Organisationen

von Armeen generell einen besonderen Stellenwert.

Sie gehören deshalb auch zum Selbstverständnis vieler

– ehemaliger – Soldaten. Dienstgradbezeichnungen auch

außer Dienst tragen zu dürfen, betrifft das Selbstwertgefühl

etlicher ehemaliger Armeeangehöriger. Dies können

ehemalige NVA-Angehörige im Rahmen einer

Sachverhaltsschilderung tun. So führt zum Beispiel das

Inhaltsverzeichnis des von einer Arbeitsgruppe beim Landesvorstand

Ost des Deutschen Bundeswehrverbandes

herausgegebenen Werkes „Was war die NVA?" lauter

ehemalige NVA-Offiziere mit Dienstgradbezeichnung an.

Verkompliziert wird der Umgang mit militärischen

Dienstgradbezeichnungen der DDR durch die Tatsache,

dass auch Angehörige der Grenztruppen und des Ministeriums

für Staatssicherheit als NVA-Reservisten einen

NVA-Dienstgrad mit den Zusätzen „d. R." bzw. „a. D."

trugen. Außerdem muss man darauf hinweisen, dass das

wiederholt unterbreitete Angebot, den Dienstgrad mit

dem Zusatz „der NVA" von den Betroffenen abgelehnt

wurde. Einen Handlungsbedarf, der auf eine rechtliche

Gleichstellung mit den Soldaten der Bundeswehr hinauslaufen

würde, sehen wir nicht.

Die PDS fordert, in der NVA erworbene Bildungsabschlüsse

und akademische Grade nach dem Äquivalenzprinzip

anzuerkennen. Dabei wird verschwiegen, dass es

in diesem Bereich bereits eine weit gehende Anerkennung

von Abschlüssen gibt. Die Feststellung der Gleichwertigkeit

liegt in der Zuständigkeit der Länder und kann

nur differenziert erfolgen. Im Ergebnis gibt es etliche

Abschlüsse, die gleichwertig sind mit Abschlüssen an

Universitäten und Fachhochschulen der alten Bundesrepublik.

Wo aber bestimmte Ausbildungsprofile weitestgehend

auf militärische Qualifikationen und auf das Gesellschaftssystem

der DDR bezogen waren, konnte und

kann Gleichwertigkeit nicht festgestellt werden.

Die Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit erlaubt es

nicht, auf die anderen Punkte einzugehen.

Eine Schlussbemerkung ist allerdings notwendig.

Dass sich die PDS besonders für die Belange ehemaliger

NVA-Angehöriger einsetzt, ist selbstverständlich legitim

und angesichts ihres hohen Anteils an der PDSMitgliedschaft

nahe liegend. Ihr Engagement und ihr

Bemühen um eine „Rehabilitierung" der besonders militaristischen

NVAsteht aber zugleich in bemerkenswertem

Kontrast zu ihrem sonstigen Anspruch, einzige antimilitaristische

Friedenspartei in Deutschland zu sein.

Wenn die PDS in ihrem Wahlprogramm bekräftigt,

„ein Deutschland ohne Bundeswehr" bleibe ihr Ziel, dann

ist die Vermeidung des pazifistischen „Bundesrepublik

ohne Armee" offensichtlich nicht zufällig, sondern gewollt.

Der vorliegende Antrag beweist, dass es der PDS

nicht um Überwindung von Militär insgesamt geht, sondern

um eine indirekte nachträgliche Relegitimierung der

SED-Armee. Vielleicht wurde deshalb der Antrag so spät

in den Bundestag eingebracht, um Aufsehen in der Friedensbewegung

zu vermeiden, um zugleich gegenüber der

eigenen Klientel etwas vorweisen zu können.